Die 61. Europäische Tagung für Konfessionskunde (KKT) entfaltete vielschichtig das Thema „Perspektiven des Glaubens“. An der Tagung in Ludwigshafen a.Rh., zu der das Konfessionskundliche Institut (KI) des Evangelischen Bundes/Bensheim und das Johann-Adam-Möhler-Institut (JAMI) für Ökumenik/Paderborn eingeladen hatten, nahmen rund 30 Personen teil. Prof. Friedrich W. Horn/Mainz referierte über das Thema „Standort des Glaubens bei Paulus“. Eingeführt wurde in das „Corpus Paulinum“ vom 1. Thessalonicherbrief bis hin zur Trias von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1. Kor. 13,13). Prof. Michael Theobald/Tübingen breitete den lexikalischen Befund aus. Feinfühlig führte er durch das  „Corpus Johanneum“ und kreiste um das Thema „Glaube an die Liebe“ (1. Joh. 4,16). Er benannte Chancen, aber auch „Gefahren johanneischer Theologie“, die sich von den Synoptikern, aber auch von Paulus klar abheben. Dass paulinische Theologie einerseits und  johanneische Theologie andererseits –  quasi Keimlinge späterer Konfessionsbildungen –  einander ergänzen, ergab die Aussprache. Beide neutestamentlichen Ansätze bieten Zugänge zum Christusglauben, auf den hin unterschiedliche Glaubensweisen der Konfessionsfamilien ausgerichtet sind. Die freikirchliche Sicht systematisierte Prof. Markus Iff/Ewersbach. Ausgehend von dem Aufruf „Christus befreit!“, dem Wort der „Vereinigung Evangelischer Kirchen“ (VEF) zum Reformationsjubiläum 2017 (Text-Abdruck in MD 6/2016, 139), zeichnete er eine Gesamtschau eines freikirchlichen Glaubensverständnisses. Iff konstatierte mit Martin Heidegger: „Der Glaube ist eine Existenzweise des menschlichen Daseins, […], was durch die Existenzweisegeglaubt, das Zeitigende Christus ist, der Gekreuzigte.“ Der Glaubende „glaubt nicht aus sich selbst“, so mit Friedrich Joest „er glaubt in sich selbst.“ Selbstkritisch wandte sich Iff gegen einen „Konformitätsdruck“, dem in freikirchlichen Gemeinden aufmerksam  entgegenzusteuern sei. Zum „Glauben und seinen Manifestationen“ gehören unverzichtbar „Vertrauen und Gehorsam“, der, so Iff, „als persönlicher Christusglauben zum Einsatz für andere befreit.“

„Katholische Thesen zu einem scheinbar protestantischen Thema“ entfaltete Prof. Johanna Rahner/Tübingen. Konstitutiv ist das katholische Grundprinzip „Glauben und Denken“. Vatikanum I und Vatikanum II sind Wendepunkte, diese zwei Ereignisse haben die Kirche verändert: Unter Pius IX. wurde der Papst unfehlbar in Glaubensfragen. Johannes XXIII. öffnete die Fenster zur Welt und leitete den Dialog mit Glaubenden und Nichtglaubenden ein. Das Zweite Vatikanische Konzil ermöglicht ökumenische Anschlüsse, indem, so Rahner, „Glaube als existentiell-personaler Grundvollzug“ zu einem zukunftsweisenden Neuansatz verhilft.

Systematisch-theologisch parierte Prof. Joachim Ringleben/Göttingen und brachte Glauben aus reformatorischer Sicht zur Sprache: Luthers Auslegung des ersten Gebotes benenne die „Abhängigkeit“ von „Glaube und Gott“, der als „Urgrund“ und „Gott an sich zum Gott für uns“ werde. Die Korrelation von Gott und Mensch gelingt im Zusammenwirken von „Glaube und Wort“, mit Paulus entsteht Glauben aus „fides ex auditu“ (Röm. 10,14) in einem hörenden Herzen. Luthers Auslegung des Dritten Artikels hat grundlegende Bedeutung: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium dazu berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten […]“,. Glauben verdankt sich, so Ringleben, einer „Dynamisierung des Gottesgedankens“ und seines trinitarischen Ursprungs. „Glaube aus fundamentaltheologischer Sicht“ im Vortrag von Prof. Gregor Maria Hoff/Salzburg geriet durch fachspezifische Diktion an Grenzen des Verstehens, die in anschließender Aussprache gekonnt gesprengt wurden. Der paulinische Gedanke „Prüfet alles, behaltet das Gute“ ermöglicht kreativ-hermeneutische Deutungen der Katholischen Theologie bis hin zum Kirchenverständnis der Augsburgischen Konfession (CA VII). Prof. Cornelia Richter verhalf mit ihrem Vortrag zu einer angeregten Aussprache: „Glaube als Begriff und Phänomen reformatorischer Dogmatik“ kamen zur Sprache, indem sie „Glaube und Lebenshaltung“ im Sinne von „Erkennen, Anerkennen und Vertrauen“ differenzierte. Richter rezipierte Philipp Melanchthons Verständnis des Fiducial-Glaubens. Die vermeintlich sperrigen lateinischen Begriffe von „notitia (im Glauben durch Gott gegebene Kenntnis)“, „assensus (als willentliche Entscheidung, vgl. Mk. 9,24“) und „fiducia (als performative Affektivität von ‚Erkenntnis‘)“ können eine Gegenwartsrelevanz erhalten für Leben und Lehre im 21. Jahrhundert.

In einer öffentlichen Podiumsdiskussion traten die Pfälzer kirchenleitenden Geistlichen in einen Dialog: Der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann forderte die Kirche auf, gewohnte Wege zu verlassen und stärker an die Ränder der Kirchen und Gesellschaft zu gehen. „Es ist wichtig, den Glauben mit der dia­konischen Dimension zu verbinden“, sagte Wiese­mann bei einer Diskussion über „Die Verkündigung des Glaubens in der modernen Gesellschaft“. Nur so wirken sie in die Gesellschaft hinein, betonte er unter Verweis auf die im Ver­gleich zur Kirche höheren Zustimmungswerte der Caritas, was entsprechend für die Diakonie gelte kann. Kirchenpräsident Christian Schad bezeichnete Wahrhaftigkeit als „ersten Akt des Glaubens“. Der Glaube gebe dem Menschen Bestand und Festigkeit, der auch in Zeiten schwindender Kirchenverbundenheit an Evidenz als Christusglauben für die Kirchen nicht verloren habe. Doch könne er nicht be­fohlen oder erzwungen werden, wie Schad betonte. Im Jahre 1818 fanden Lutheraner und Reformierte im Glauben als Unionskirche zusammen. 2018 feiert die Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) ihr 200-jähriges Jubiläum. Man wird auf deren ökumenische Ausrichtung gespannt sein dürfen.

Die „Perspektiven des Glaubens“ im Reformationsjubiläumsjahr 2017 führten weiter. Eine ökumenisch-verantwortete Sicht des Glaubens, dessen Zentrum eine christologisch begründete Trinitätslehre freisetzt, erinnert die Kirchenfamilien an ihren göttlichen Ursprung. Die Tagung öffnete Wege der interkonfessionellen Ökumene, sei es von der Evangelischen Theologie und Kirche zu den Freikirchen, sei es zum Altkatholizismus sowie besonders zur römischen Theologie in Leben und Lehre.

Matthias Meyer