Den orthodoxen Kirchen wird immer wieder vorgehalten, vor-modern zu sein oder sich der Moderne zu verweigern. In solchen Aussagen spiegeln sich Stereotypen bis hin zu einer west-europäischen Überlegenheitsidee. Die Gesellschaft zum Studium des Christlichen Ostens (GSCO) widmete ihre diesjährige Jahrestagung diesem Thema, um ebensolche Klischees zu enttarnen und ein genaueres Bild zu bekommen, wie sich die Orthodoxie mit der Moderne auseinandersetzt. Dabei wurde deutlich, dass die Orthodoxie schon allein durch ihre Existenz im 21. Jahrhundert gar nicht umhin kann, sich in irgendeiner weise zu verhalten und dass sie dies – zweitens – in einer wesentlich differenzierteren Weise tut, als dies gemeinhin in nicht-orthodoxen Kreisen angenommen wird.

Zu diesem zweck war eine Reihe von renommierten orthodoxen Referenten und Referentinnen eingeladen worden, aus ihrer Sicht und unter verschiedenen Aspekten die Beziehung zwischen Orthodoxie und Moderne darzustellen. Dr. Irina Zeltner Pavlovic (Erlangen) tat dies aus der Perspektive der Forschungsrichtung „Postcolonial Studies“, einer Unterabteilung von „Cultural Studies“, und versuchte die oben genannte Sicht des Westens auf die Orthodoxie zu de-konstruieren. PD Dr. Alina Patru (Sibiu/Hermannstadt) zeigte auf, dass sowohl Reformer als auch Fundamentalisten, die es beide in der Orthodoxie gibt, ein Phänomen der Moderne sind. Gewissermaßen der Höhepunkt war ein öffentlicher Abendvortrag von Prof. Dr. Vasilios Makrides (Erfurt), der einen Überblick über „Probleme und Debatten um die gemeinsamen werte Europas“ gab. Zwei weitere Vorträge untersuchten das Konferenzthema anhand von konkreten Beispielen: Prof. Dr. Miltiades Vantsos (Thessaloniki) zeigte auf, wie die pan-orthodoxe Synode in Kreta 2016 auf die modernen Herausforderungen im Bereich der Bio-Ethik antwortete und zunächst den wissenschaftlichen Fortschritt positiv bewertete, aber dann vor allem die Heiligkeit des Lebens und den Respekt vor der Schöpfung Gottes zum Prinzip der Ethik machte, ohne allerdings Positionen zu konkreten Fragen einzunehmen. Prof. Dr. Vladimir Khulap (St. Petersburg) referierte über die Sozialethik in der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), die sich seit dem Jahr 2000 durchaus weiter entwickelt hat. Deutlich wurde dabei auch, dass viele der neueren Texte zu dieser Debatte nicht ins Deutsche übersetzt sind und dass das Verhältnis der ROK zum Staat komplizierte ist, als es sich anhand westlicher Medienberichte darstellt.

Die Tagung fand vom 8. Auf den 9. Juni in Kiel statt auf Einladung der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität und war vorbereitet worden von prof. Dr. Andreas Müller. Auf der ebenfalls während dieser Tagung stattfindenden Mitgliederversammlung wählte die GSCO einen neuen Vorstand mit Prof. Dr. Franz Mali (Universitt Fribourg/Schweiz), Dr. Irina Zeltner Pavlovic (Universität Erlangen) und Pfrin. Dr. Dagmar Heller vom Konfessionskundlichen Institut Bensheim.