Bildschirmfoto 2015-05-18 um 17.37.16Zwei Tage nach den großen Feierlichkeiten in Russland am 9. Mai zum 70-jährigen Jubiläum der Befreiung vom Nationalsozialismus begann in St. Petersburg eine Tagung der Arbeitsgruppe „Kirchen in Europa“ des Petersburger Dialogs. An der Fachtagung, die auch vom Moskauer Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt wurde, nahmen 13 Deutsche (von der Evangelischen Kirche in Deutschland und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz) und 14 Russen (überwiegend von der Russischen Orthodoxen Kirche, aber auch mit dem Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland) teil. Im Zentrum der Gespräche und Referate stand das Thema „Bildung und Erziehung als Stabilitätsfaktoren der Gesellschaft“. Dem Jahrestag angemessen hoben in den Grußworten und Einführungen in die Tagung die Koordinatoren, Dr. Johannes Oeldemann und der stellvertretende Vorsitzende des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Archimandrit Filaret, die Bedeutung des Petersburger Dialogs und der Gespräche in den Arbeitsgruppen als bedeutende Impulse zur Verständigung von Russland und Deutschland hervor. Das Verhältnis beider Länder habe im 20. Jahrhundert zwei Katastrophen erlebt – eine dritte gelte es zu verhindern, betonte Filaret. In den letzten Monaten war es fraglich geworden, wie der Petersburger Dialog weiterarbeiten kann. Eine Weiterführung und Intensivierung der Arbeit ist aber gerade momentan vor dem Hintergrund des Ukrainekonflikts besonders dringlich.

Das Thema Politik war allerdings eher am Rande der Diskussionen präsent: Im Mittelpunkt der Tagung stand religiöse Bildung als gesellschaftlich stabilisierender und die soziale Verantwortung befördernder Faktor. Die beiden Hauptreferate auf russischer Seite hielten der Rektor der Orthodoxen Sankt-Tichon-Universität Protopresbyter Wladimir Worobjew zu dem Thema „Theologische Bildung als Stabilitätsfaktor der Gesellschaft“ und Diakon German Demidow, Leiter der Abteilung Grundlagen der orthodoxen Kultur in der Synodalen Kommission für religiöse Bildung und Katechese der Russischen Orthodoxen Kirche, über die „Religiöse Bildung in einer postsäkularen Gesellschaft“. Aus der deutschen Perspektive referierten der ehemalige Kultusminister von Berlin-Brandenburg Pfarrer Steffen Reiche zum Thema „Vieles muss sich ändern, um so zu werden, wie es sein soll. Wie können Reformen Bildung und Erziehung zu Stabilitätsfaktoren der Gesellschaft machen?“ sowie Clauß Peter Sajak, Professor am Institut für katholische Theologie und ihre Didaktik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, zum Thema „Freiheit und Anerkennung – Der Beitrag des kirchlichen Religionsunterrichts und der Konfessionsschulen zum pluralistischen Bildungssystem Deutschlands“. Bemerkenswerterweise zeigten die intensiven Diskussionen im Anschluss an die Referate vor allem, wie konträr einzelne Aspekte innerhalb der Ländergruppen bewertet wurden; weniger grundlegende Diskrepanzen erwiesen sich zwischen der deutschen und der russischen Wahrnehmung von religiöser Bildung. Diese ist zwar von der grundlegend verschiedenen Geschichte der beiden Länder im 20. Jahrhundert geprägt. Aber die aktuellen Fragestellungen hinsichtlich religiöser Bildung in der modernen Gesellschaft ähneln sich, denn die Grundvoraussetzungen – die umstrittene Bedeutung und ambivalente Wahrnehmung der Kirchen in der Gesellschaft – sind hier wie dort ähnlich gelagert.

Die Diskussionen zwischen den Hauptreferaten machten die länderspezifischen Probleme für die Gesprächspartner deutlich. So ist z.B. auf russischer Seite die nach wie vor nicht erfolgte staatliche Akkreditierung der theologischen Ausbildung eine Hürde, die letztlich den Ausschluss der Theologie aus dem Kanon der Wissenschaften in Russland manifestiert – ein für die Russische Orthodoxe Kirche fatales Problem. Aber auch jenseits aller Überlegungen zu der Frage der gesellschaftlichen Wirkung religiöser Bildung brachte das Arbeitsgruppentreffen zum Ausdruck, dass das Gespräch als Verständigungsmedium Chancen bietet, die nicht verspielt werden sollten.

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Gisa Bauer