Das Treffen von Papst Franziskus und russisch-orthodoxem Patriarch Kyrill I. am 12. Februar 2016 – Einschätzungen von Martin Bräuer, Catholica-Referent im Konfessionskundlichen Institut Bensheim, gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) und von Gisa Bauer, Ostkirchen-Referentin im Konfessionskundlichen Institut, gegenüber der Nachrichtenagentur idea:

Am 12.2.2016 brachte der epd folgendes epd-Gepräch mit Martin Bräuer:

Ökumene-Experte: Treffen von Papst und Patriarch ist “kleine Sensation”

Das mit Spannung erwartete Treffen von Papst Franziskus und dem Moskauer Patriarchen Kyrill auf Kuba ist nach Einschätzung des Ökumene-Experten Martin Bräuer eine “kleine Sensation”. Gleichwohl sei das Zusammentreffen aber auch “keine allzu große Überraschung”. Die Anzeichen dafür hätten sich in der jüngsten Zeit verdichtet, sagte der Catholica-Referent des Konfessionskundlichen Instituts der evangelischen Kirche im südhessischen Bensheim dem Evangelischen Pressedienst (epd). Fragen wie die Situation der Christen im Nahen Osten und der Religionsfreiheit würden offenbar im Vordergrund stehen. Der Papst und der Patriarch wollten am Freitag auf dem Flughafen in Havanna zusammenkommen.
Bräuer sagte, das Treffen auf Kuba diene der Verbesserung des Klimas zwischen den Kirchen, aber eine Lösung theologischer oder kirchenpolitischer Streitfragen sei nicht zu erwarten. Das sei vielmehr Sache der Gesamtheit der orthodoxen Kirchen, die darüber auf dem bevorstehenden panorthodoxen Konzil im Juni beraten wollen. “Franziskus ist Pragmatiker. Es geht ihm darum, dass die Kirchen das gemeinsam machen, was sie machen können, und deshalb lotet er den Handlungsspielraum für die Kirchen aus. Und wenn Orthodoxe und der Vatikan mit einer Stimme die weltweiten Christenverfolgungen und die Gewalt gegen Christen etwa in Syrien anprangern könnten, ist es ihm recht”, sagte Ökumene-Experte Bräuer. Es gehe Franziskus vor allem um die Begegnung, das menschliche Miteinander und das Gespräch.
Schon bei der Ankündigung der als historisch geltenden Zusammenkunft seien keine religiösen Inhalte genannt worden, sagte Bräuer. Daher sei es im Grunde zunächst ein Arbeitstreffen auf höchster Ebene, dem weitere folgen könnten. Das Treffen zwischen Kyrill und Franziskus stehe auf einer anderen Ebene als zum Beispiel die Zusammenkunft von Papst Paul VI. und dem damaligen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras 1964 in Jerusalem. Das sei das erste Treffen mit dem Ehrenoberhaupt der Orthodoxie seit der Spaltung von 1054 überhaupt gewesen und habe zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen den orthodoxen Kirche und dem Vatikan geführt, fügte der Theologe hinzu. Damals hätten Patriarch und Papst gemeinsam ein Vaterunser gebetet.
Das jetzige Gipfeltreffen, die erste Begegnung zwischen einem römischen Papst und dem Patriarchen der Russischen Orthodoxen Kirche, sei in den 1990er Jahren von Papst Johannes Paul II. gewünscht worden, erinnerte Bräuer. Aber seine polnische Herkunft und vor allem die nach der Wende sich neu formierende mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche in der Ukraine, die den russischen Orthodoxen bis heute ein Dorn im Auge sei, sowie die Neugründung römisch-katholischer Bistümer in Russland hätten ein solches Treffen zunächst verhindert.
“Die Existenz einer Kirche, die wie die orthodoxe Kirche ihre Gottesdienste feiert, aber den Papst als Oberhaupt anerkennt, war und ist für die orthodoxe Kirche Russlands immer problematisch”, sagte Bräuer. Aber offensichtlich habe die Existenz dieser Kirche nun nicht mehr das Gewicht, welches ein Treffen der beiden Kirchenführer unmöglich machen würde.

Unter der Überschrift „Christenverfolgung bringt Papst und Patriarch zusammen. Gemeinsame Sorge begünstigt historische Begegnung auf Kuba“ berichtete der Pressedienst „idea“ am 12.2.2016 von dem Treffen, u.a. unter Bezugnahme auf ein Interview mit Ostkirchen-Referentin Gisa Bauer:

„Die Sorge um verfolgte Christen im Nahen Osten führt zur Annäherung der russisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche. Das gemeinsame Thema begünstigt somit auch das geplante historische Zusammentreffen von Papst Franziskus mit dem Moskauer Patriarchen Kirill I. am 12. Februar am Flughafen von Havanna (Kuba). Diese Meinung vertritt die Ostkirchen-Referentin des Konfessionskundlichen Instituts des Evangelischen Bundes, die Kirchenhistorikerin Gisa Bauer (Bensheim). Es ist das erste Mal, dass sich ein Papst und ein Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche begegnen. Das Treffen findet um 14.15 Uhr Ortszeit (20.15 Uhr Mitteleuropäische Zeit) statt. Bauer sagte auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea: „Das Herz der beiden Kirchenoberhäupter schlägt insbesondere für die verfolgten Christen in Syrien und im Nahen Osten.“ Dort stünden Christen zwischen allen Fronten: „Die islamistische Bedrohung führt dazu, dass alle Christen vor Ort zusammenrücken.“ Da spiele es keine große Rolle mehr, ob man einer altorientalischen, orthodoxen, katholischen oder einer anderen christlichen Kirche angehöre. Papst und Patriarch beurteilten dies ähnlich.

Bauer: Papst ist offen gegenüber orthodoxen Kirchen

Bauer sagte ferner, dass das Treffen „zwar eine Sensation, aber keine Überraschung“ sei. Denn das Gespräch sei von langer Hand vorbereitet gewesen. Zudem habe Papst Franziskus schon im Vorfeld bei Treffen mit Vertretern anderer orthodoxer Kirchen seine Offenheit gezeigt. Dennoch bleibe das Treffen ein wichtiges Zeichen. Bauer: „Wir können immer froh sein, wenn Kirchenoberhäupter in unserer zersplitterten Christenheit aufeinander zugehen.“ Sie vermutet, dass die Zusammenkunft in theologischer Hinsicht aber nicht zukunftsweisend sein wird. Die angedachte gemeinsame Erklärung, die nach dem Treffen veröffentlicht werden soll, werde sich vermutlich auf die Situation in Syrien und die Verfolgung von Christen beziehen, so Bauer.“
Die am 13. Februar 2016 auf der Homepage des KI veröffentlichte „Gemeinsame Erklärung von Papst und Patriarch“ nimmt nun in der Tat im Kern Bezug auf die Situation der Christen in Syrien sowie Christenverfolgungen weltweit, die deutlich angeprangert werden, ebenso wie auf kirchenspaltende historische Wunden, wie von Martin Bräuer erläutert. Darüber hinaus nimmt die „Gemeinsame Erklärung“ ethische Lebensaspekte auf, die auf beiden Seiten – in je unterschiedlichem Maße – in den letzten Jahren diskutiert wurden, und die aber in der Erklärung nicht theologisch-dogmatisch fundiert werden.

Eine Analyse dieser Begegnung erfolgt durch Martin Bräuer im Rahmen einer Gesamteinschätzung der bisherigen ökumenischen Initiativen von Papst Franziskus in Heft 2016-2 des Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts (MdKI) .

(epd/idea/Auksutat/Bauer/Bräuer)