Die moralische Botschaft der Natur

Die natürliche Wirklichkeit enthält nach lehramtlicher Auffassung in sich selbst eine moralische Botschaft. Der christliche Glaube verleiht ihr besonderen Nachdruck, indem er diese Ordnung des sittlichen Naturgesetzes auf den Schöpfer zurückführt, der das Gesetz in jedes Menschen Herz geschrieben hat, was freilich Trübungen infolge der Sünde oder der kulturellen Verhältnisse nicht ausschließt. Das bedeutet, dass die Grundnormen der politischen und gesellschaftlichen Ordnung nicht auf menschlicher Übereinkunft basieren, sondern objektiven Charakter haben: Wenn die Kirche für eine solidarische Wirtschaftsordnung, den Schutz der Ehe, das unbedingte Lebensrecht des Embryos eintritt oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften ablehnt, verkündet sie nicht eine konfessionelle Position, sondern beansprucht, die objektiven Normen des Gemeinwohls darzulegen. Widersprechen staatliche Gesetze dem sittlichen Naturgesetz, so verpflichten sie nicht im Gewissen; Katholiken sind dann zur Gehorsamsverweigerung im Namen des höheren Gesetzes aufgefordert.

Dem lehramtlichen Naturbegriff haftet dabei die Doppeldeutigkeit an, dass er nicht nur die vom Menschen zu erfragende Wirklichkeit (‚Natur der Sache’), sondern die leibliche Natur des Menschen bezeichnet, deren ‚Gesetze’ die Person in ihrem Verhalten zu beachten habe. Daraus folgt für das Lehramt, dass das Kriterium der Nächstenliebe allein nicht genügt:

„Zu Unrecht behaupten […] heute viele, dass man weder in der menschlichen Natur noch im geoffenbarten Gesetz eine andere absolute und unveränderliche Norm als Regel für unsere einzelnen Handlungen finden könne als jene, die im allgemeinen Gebot der Liebe und der Achtung vor der menschlichen Würde zum Ausdruck kommt. […]

Die Kirche aber hat im ganzen Verlauf ihrer Geschichte bestimmten Vorschriften des Naturgesetzes immer eine absolute und unveränderliche Geltung zuerkannt und in deren Übertretung einen Widerspruch zur Lehre und zum Geist des Evangeliums gesehen.“ (Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Sexualethik „Persona Humana” (1975), Nr. 4)

Dies führt in der Sexualethik zu Positionen, bei denen die mittelalterliche Kategorie der „Sünde gegen die Natur“ durchschimmert. Der Mensch ist in seinem Gewissen nicht unmittelbar zu Gott. Zwischen Gott und dem Menschen steht die „Natur“ als sein vorgegebenes (metaphysisches) Wesen, mit dem er von innen her eins werden soll und an dem er schuldig werden kann. Dem modernen Denken wirft das Lehramt vor, dass es einen Keil zwischen die Person und die Natur treibe und durch seinen Subjektivismus die Person von ihren natürlichen Strebenszielen und dem objektiv Guten abtrenne. Durch Losreißung der Freiheit von der Wahrheit (VS 34) bzw. der Natur (VS 50) werde die Person gehindert, die moralische Sprache der Natur und ihrer eigenen Leiblichkeit zu vernehmen.

Die „natürlichen Neigungen“

Die Lehre von den „natürlichen Neigungen“, in denen das objektiv Gute aufscheinen soll, bildet einen Hauptstreitpunkt der katholischen Moraltheologie. Thomas von Aquin (um 1225-1274) argumentiert, dass wir das Gute ja als unser Wesensziel anstreben, also brauche man für die nähere Bestimmung dieses Guten nur auf die Handlungsmöglichkeiten und -ziele zu achten, die mit unserer Natur gegeben sind und von uns erstrebt werden. Dies sind die Güter der Selbsterhaltung, der Arterhaltung, der Wahrheitserkenntnis und der Gemeinschaft. Sie sind unserem Belieben entzogen und stellen Bedingungen des Handelnkönnens überhaupt dar.

Die Probleme beginnen, wenn gefragt wird, wie die einzelnen Güter, z. B. das Gut der Fortpflanzung und das Gut der Gemeinschaft, in eine sinnvolle Ordnung gebracht werden können. Sind empfängnisverhütende Mittel erlaubt, wenn das Wohl der ehelichen Gemeinschaft auf dem Spiel steht? Oder können die beiden Güter in Gottes Schöpfungsplan niemals in Konflikt zueinander treten? Letzteres ist die Überzeugung des Lehramts. Ob eine menschliche Handlung auf das Gute und auf Gott als letztes Ziel hingeordnet werden kann, erkenne die Vernunft „im Sein des Menschen selbst, verstanden in seiner vollumfänglichen Wahrheit, und damit unter Berücksichtigung seiner natürlichen Neigungen, seiner Triebkräfte und seiner Zweckbestimmtheiten, die immer auch eine geistige Dimension besitzen“ (VS 79). Mit ihrer Vernunft und unterstützt durch die Tugend vermag die Person „in ihrem Leib die vorwegnehmenden Zeichen, den Ausdruck und das Versprechen der Selbsthingabe in Übereinstimmung mit dem weisen Plan des Schöpfers“ zu entdecken (VS 48). Darauf gründet sich das lehramtliche Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, weil diese den natürlichen Zusammenhang von liebender Vereinigung und Fortpflanzung auseinander reiße.

Viele Moraltheologen stehen dieser Position kritisch gegenüber und sprechen von „Biologismus“ oder von einem „naturalistischen Fehlschluss“, weil einer empirischen Tatsache – den „Zeugungsgesetzen“ (Paul VI.) bzw. der Möglichkeit von Vater- und Mutterschaft (Johannes Paul II.) – unmittelbar ethische Normativität zugeschrieben und auf fragwürdige Weise vom Sein zum Sollen übergegangen werde. Für diese Moraltheologen ist „Natur” nicht an sich gegeben, sondern eine jeweils geschichtlich geprägte Projektion der vom Glauben bestimmten Vernunft (Klaus Demmer). Oder man weist darauf hin, dass in Fragen des Umgangs mit Krankheit, Sexualität oder Tod die Kategorie „verboten / erlaubt“ überhaupt unangemessen sei. Hier gehe es um Bildung der Persönlichkeit, deshalb sei nur eine Argumentation angemessen, die sich an die Sinneinsicht des Einzelnen wende und die eine Abwägung zwischen Gütern, die mit einander in Konflikt stehen können, erfor­dern könne. Nicht die Biologie, sondern eine Besinnung auf das Humane spreche für die Integration der Sexualität in eine liebevolle und dauerhafte Gemeinschaft. Bei Suizidgefährdung sei das Verständnis des Lebens als Gabe und Auftrag von Gott hilfreicher als der einschüchternde Verweis auf einen göttlichen Alleinverfügungsanspruch über menschliches Leben (Eberhard Schockenhoff).

Das römische Lehramt sieht in solchen Konzeptionen, welche die Natur nicht als normative Grundlage der Moral, sondern nur als Horizont der sittlichen Praxis des verantwortlichen Subjekts verstehen, eine dualistische Aufspaltung des Menschen, die „die sittliche Bedeutung des Leibes“ verkennt (VS 49). Johannes Paul II. bindet die Verwirklichung der Person so unmittelbar an die moralische Sprache des Leibes, dass das Naturgesetz „keinen Raum für eine Trennung von Freiheit und Natur“ lässt (VS 50). Da die Lehre von der rechten Weitergabe des Lebens von Gott in die Natur der menschlichen Person eingeschrieben sei und durch die Offenbarung bekräftigt werde, hieße ihre Infragestellung, Gott selbst den Gehorsam unseres Verstandes verweigern.

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