„Theonome Glaubensethik“

Ein in der Ethik viel diskutiertes Beispiel ist der Fall einer Geiselnahme im Partisanenkrieg. Ein sadistischer Kommandant befiehlt einem Soldaten, eine von zehn unschuldigen Geiseln zu erschießen, dann würden die restlichen neun freigelassen. Sollte er sich weigern, würden alle zehn getötet. Die Geiseln selbst bitten den Soldaten, auf das Angebot einzugehen, da jeder hofft, dass es ihn nicht trifft. Müsste jemand, der nur auf die Folgen achtet, den Befehl nicht ausführen?

Von den Folgen her erscheint eine Handlung, die nur einem Menschen das Leben kostet, gegenüber einer anderen, die den Tod von zehn Unschuldigen zur Folgen hat, als kleineres Übel. Dabei wird aber das physische Übel des Todes der zehn mit dem eigentlichen moralischen Übel der Tötung eines Unschuldigen verwechselt, die durch keine gute Absicht oder absehbare Konsequenzen zu etwas Erlaubtem werden kann. Der Tod der Geiseln gehört zur Kategorie der physischen Übel, deren es leider viele in der Welt gibt und die wir nach Möglichkeit zu verhindern haben, aber niemals um den Preis eines sittlichen Übels. Sterben müssen wir alle einmal, morden müssen wir nicht.

Da die Tötung eines Unschuldigen zu den Handlungen gehört, die „immer in sich schlecht“ sind und durch keine noch so gute Absicht zu rechtfertigen sind, können die Folgen der Unterlassung dessen, was wir auf keinen Fall dürfen, uns nicht zugerechnet werden. Zumal zwischen der Befehlsverweigerung des Soldaten und dem Tod der zehn ein fremder Wille tätig werden muss, für den der Verweigerer nicht haftet. Die Idee, dass wir unterschiedslos nicht nur für alle voraussehbaren Folgen unserer eigenen Handlungen, sondern auch für die dazwischentretenden Handlungen anderer verantwortlich seien, überfordert den Menschen und führt letztlich zu moralischer Indifferenz. Verantwortung erwächst aus konkreten Verpflichtungsverhältnissen wie Freundschaft, Ehe oder der Situation des barmherzigen Samariters.

Die Märtyrer, die sich weigerten, eine „in sich schlechte Handlung“ auszuführen, und den Tod einer einzigen Todsünde vorgezogen haben, sind deshalb aus lehramtlicher Sicht die wahren Zeugen des Guten. Wir haben im Vertrauen auf Gott Pflichten zu erfüllen, die wir nicht aus angeblicher Einsicht in einen höheren Zweckzusammenhang suspendieren können. „Das Martyrium entlarvt jeden Versuch, einer in sich schlechten Handlung, und sei es auch unter ‚Ausnahme’-Bedingungen, einen ‚humanen Sinn’ verleihen zu wollen, als illusorisch und falsch; mehr noch, es enthüllt offen das wahre Gesicht der sittlich schlechten Handlung: sie ist eine Verletzung der ‚Menschlichkeit’ des Menschen, und zwar mehr noch bei dem, der das Unrecht begeht, als bei dem, der es erleidet“ (VS 92).

Die lehramtliche Moral kann daher als „theonome Glaubensethik“ bezeichnet werden. Wer sich dem Mord verweigert, darf Gott die Verantwortung für die Folgen über­lassen. Das Lehramt rechnet unter die Kategorie der „in sich schlechten“ Handlungen nicht nur die Verletzung personaler Rechte Dritter (wie bei Abtreibung, Folter, Sklaverei, Prostitution, Ausbeutung), sondern auch Verstöße gegen die unserer leiblichen Natur eingeschriebene Normativität. So gelten als in sich schlecht der Geschlechtsverkehr von Unverheirateten, gleichgeschlechtliche Beziehungen, die In-Vitro-Fertilisation mit ihren Folgetechniken und künstliche Empfängnisverhütung. Im Blick auf letztere heißt es:

„Wenn es auch in der Tat zuweilen erlaubt ist, ein sittliches Übel hinzunehmen, in der Absicht, damit ein größeres Übel zu verhindern oder ein höheres sittliches Gut zu fördern, ist es doch nicht erlaubt, nicht einmal aus sehr schwerwiegenden Gründen, das sittlich Schlechte zu tun, damit daraus das Gute hervorgehe (vgl. Röm 3,8), d. h. et­was zum Gegenstand eines positiven Willensaktes zu machen, was an sich Unordnung besagt und daher der menschlichen Person unwürdig ist, auch wenn es in der Absicht geschieht, Güter der Person, der Familie oder der Gesellschaft zu schützen oder zu fördern“ (VS 80).

Die Autorität des Lehramtes in Glaubens- und Sittenlehre

Wegen der großen Bedeutung des rechten Handelns besitzt das Lehramt der Kirche die Vollmacht, auch in moralischen Fragen den Gläubigen verbindliche Weisung zu geben und eine Lehre „definitiv als verpflichtend“ zu verkünden. Ausdrücklich wird die Meinung zurückgewiesen,„als würde sich die Zugehörigkeit zur Kirche und deren innere Einheit allein durch den Glauben entscheiden, während man in Sachen Moral einen Pluralismus von Anschauungen und Verhaltensweisen dulden könnte, je nach Urteil des individuellen subjektiven Gewissens bzw. der Verschiedenheit der sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen.“ (VS 4).

Das Lehramt gibt in ethischen Fragen nicht nur eine allgemeine Orientierung vor, die von den Gläubigen in persönlicher Verantwortung zu konkretisieren wäre. Es legt „auch konkrete Einzelgebote“ (VS 110) vor und beansprucht, „durch das Gewissen der Gläubigen bindende Urteile jene Handlungen zu bezeichnen, die in sich selber mit den Forderungen des Glaubens übereinstimmen und seine Anwendung im Leben fördern, aber auch jene Handlungen, die aufgrund ihres inneren Schlechtseins mit diesen Forderungen unvereinbar sind.” (DoVe 6).

Katholische Christen sind deshalb verpflichtet, im Bereich der Moral „die Lehren des Lehramtes zu befolgen“ (VS 112). Das Lehramt tut dabei „der Gewissensfreiheit der Christen keinerlei Abbruch: nicht nur, weil die Freiheit des Gewissens niemals Freiheit ‚von’ der Wahrheit, sondern immer und nur Freiheit ‚in’ der Wahrheit ist, sondern auch weil das Lehramt an das christliche Gewissen nicht ihm fremde Wahrheiten heranträgt, wohl aber ihm die Wahrheiten aufzeigt, die es bereits besitzen sollte ..“ (VS 64)

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