Soziallehre

Grundlage der lehramtlichen Soziallehre ist das in der menschlichen Natur erkennbare universale Sittengesetz, das als „Naturrecht“ auch im Pluralismus zur „gemeinsamen Suche nach dem Wahren und Guten und nach Gott“ (CiV 59) antreibe. Die katholische Soziallehre ist jünger als die Moraltheologie. Erst die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts lenkte den Blick auf die strukturellen Probleme. Aus der Tugend der „Gerechtigkeit“ wurde die Systemkategorie „sozia­le Gerechtigkeit“.

Die Päpste entwickelten zunächst eine Doktrin, die sich als Lehre „über die gesellschaftliche Ordnung” verstand. Das Wort „Sozialethik“ wurde beargwöhnt. Man trug Soziallehre vor, die sich auf allgemeingültige metaphysische Prinzipien beruft. Der biblischen Offenbarung fiel die Funktion einer negativen Kontrollnorm zu: die Erkenntnisse der Vernunft dürfen ihr nicht widersprechen. Der metaphysische Anspruch wird seit Johannes XXIII. zurückgenommen. Erstmals spricht Paul VI. von „Sozial­ethik”; die Kirche biete keine fertigen Sozialmodelle, sondern frage lediglich kritisch nach den Wertvorstellungen in den verschiedenen Modellen. Unter Johannes Paul II. kommt es zu einer Theologisierung der Soziallehre, weil sie gegen moderne Skepsis die theologischen Grundlagen ihres Menschenbildes offenlegen müsse. Aus diesem Grund gehöre sie in den Bereich der Theologie und insbesondere der Moraltheologie (CA 54. 55).

Leitlinien der Soziallehre

Für die Arbeit vor Ort mit ihrem Dreischritt „Sehen, Urteilen, Handeln” bietet das Lehramt eine dreifach abgestufte Orientierung: Es formuliert „Leit­prinzipien” für den Aufbau der gesellschaftlichen Ordnung, „Ur­teilskriterien” im Blick auf den jeweiligen Problembereich und „Richtli­nien für das konkrete Handeln”. Die Kompetenz des Lehramtes nimmt dabei von oben nach unten ab, die der Laien mit ihrem Sachverstand zu. Die Pfeiler des sozialethischen „Lehr­gebäudes” sind die aus der christ­lichen Sicht der Person abgeleiteten „Sozialprinzipien”, das Personprinzip, das Solidaritätsprinzip und das Subsidiaritätsprinzip. Sie sollen notwendigerweise die richtige Sicht der Gesellschaft vermitteln.

Das gegen den Individualismus gerichtete Solidaritätsprinzip entspricht der auf Mit-Sein angelegten Natur des Menschen. Das gegen den Kollektivismus gerichtete Subsidiaritätsprinzip basiert auf dem Grundsatz, dass Vernunftwesen sich nur in freier Selbsttätigkeit vollenden, und regelt die Zuständigkeit zwischen den einzelnen und den größeren Gemeinschaften. Es fordert Hilfe zur Selbsthilfe und verbietet andererseits, dem einzelnen oder der kleineren Gemeinschaft wegzunehmen, was diese selbst leisten können, sucht also eine Mitte zwischen „Nachtwächterstaat“ und „Versor­gungs­staat“. Das Gemeinwohl ist dann realisiert, wenn aufgrund der drei Prinzipien eine Gesellschaft so geordnet ist, dass die menschliche Person sich in ihrer sozialen wie in ihrer religiösen Dimension verwirklichen kann.

Das als weiteres Sozialprinzip vorgeschlagene Prinzip der Nachhaltigkeit ist im Solidaritätsprinzip enthalten, da die Gerechtigkeitsforderung auch die kommenden Generationen einschließt.

Die katholische Soziallehre will kein ‚dritter Weg’ sein zwischen liberalistischem Kapitalismus und marxistischem Kollektivismus, weil sie von anderen Voraussetzungen ausgeht: Kapitalismus wie Sozialismus stützten sich auf anonyme Gesetzmäßigkeiten, die katholische Lehre basiere auf der sittlichen Verantwortung der Person (CA 13. 42). Das Personprinzip fordert „den Primat des Menschen vor den Dingen, die Priorität der Arbeit vor dem Kapital, die Überwindung der Antinomie Arbeit-Kapital” (Leitlinien für das Studium und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 1989). Die befreiungstheologische „Option für die Armen” wird vom Lehramt geteilt; abgelehnt wird aber die Gesellschaftsauffassung der Befreiungstheologie und ihr Verständnis vom Primat der Praxis vor der Theorie.

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