Im „Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) aus dem Jahre 2006 wird die „Neuapostolische Kirche“ (NAK) noch unter der Rubrik „Christliche Sekten“ vorgestellt, d.h. ihr wird mit dieser Zuordnung unterstellt, dass sie einen starken Konformitätsdruck nach innen und eine starke Abgrenzung nach außen praktiziere. Diese Einschätzung – begründet vor allem in „Sonderlehren“ der NAK – galt seit ihrer Entstehung als Abspaltung aus der „Katholisch-apostolischen Gemeinde“ im späten 19. Jahrhundert. Wegen häufiger Lehränderungen war es allerdings schwierig, die gerade geltende Lehre der NAK zu klären. Dies hat sich jetzt durch die am 4. Dezember 2012 erfolgte öffentliche Vorstellung eines neuen Katechismus verändert. Mit dem Katechismus ist nun eine – so hoffe ich – für die NAK verbindliche Formulierung ihrer Lehrgrundsätze zur Hand, die es allen Interessierten erlaubt, die zur seinerzeitigen Zuordnung zu „Sekten“ führenden Lehrsätze der NAK auf ihr gegenwärtiges Verständnis hin zu prüfen. Zunächst will ich einige der strittigen Lehrgegenstände beschreiben. Evangelischerseits wurde die Nachordnung der Bibel hinter das, was die Apostel dieser Kirche „auf der Grundlage der von ihnen gedeuteten Bibel lehren“ als problematisch bewertet. Des Weiteren war das Verständnis des Apostelamtes der NAK als „Wiederaufrichtung des Apostelamtes Jesu Christ“ anstößig, weil das in Christus begonnene Erlösungswerk durch dieses Amt vollendet werde. Ein weiterer problematischer Punkt war das streng exklusive Selbstverständnis der NAK: „Die Neuapostolische Kirche ist die Kirche Jesu Christi.“ Andere Kirchen sind das dann nicht. Diese Position wurde übrigens noch am 25. Juni 2005 von Apostel Volker Kühnle in Halle vorgetragen, der meinte, dass Kirche im Vollsinne nur vorhanden sei, wo Apostel sind. Wo sie fehlten, seien die notwendigen „Heilsmittel nicht vollumfänglich gegeben.“ Damit wird eine einzigartige Sonderstellung der NAK gegenüber allen anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften postuliert. Der Glaube der NAK ist eschatologisch ausgerichtet, d.h. die neuapostolischen Christen leben auf die Heimholung der Braut hin. Das Apostolicum ist Bestandteil des neuapostolischen Bekenntnisses, die übrigen altkirchlichen Bekenntnisse kamen nicht vor. Die Taufe, in der Regel als Säuglingstaufe vollzogen, wird erst mit der Versiegelung (3. Sakrament) als Übermittlung des Heiligen Geistes vollkommen. Des Weiteren kennt die NAK Gottes- dienste für Entschlafene, in denen „den heilsverlangenden Seelen die Sakrament der Kirche Christi gespendet werden.“ Hier sind die im Blick, die zu Lebzeiten noch nicht zur NAK gezählt haben. Problematisch war die Situation auch dadurch, dass immer wieder in der Seelsorge von ehemaligen Mitgliedern der NAK von Repressalien, denen sie ausgesetzt waren, berichtet wurde.

Als erstes Fazit lässt sich sicherlich festhalten, dass die Grundmuster einer Sekte für die NAK zumindest bis zum Ende des letzten Jahrhunderts erkennbar sind. Dies hat auch dazu geführt, dass die NAK in keiner regionalen ACK Mitglied oder Gastmitglied ist, sie ist auch nicht Mitglied der AGCK der Schweiz. In einigen wenigen lokalen ACKs (z.B. Memmingen) arbeitet sie allerdings mit. Ich will hier abbrechen und der Frage nachgehen, was dazu beigetragen hat, dass es seit Ende des letzten Jahrhunderts in einigen Orts-ACKs und der ACK-Baden-Württemberg (ACK-BW) zu intensiveren Kontakten mit der NAK gekommen ist, und wie die Situation sich aus Sicht der Bundes-ACK heute darstellt.