„Healing of Memories“ (HoM) wurde erstmalig als seelsorgerlich-therapeutisches Verfahren in der Täter-Opfer-Arbeit zur Aufarbeitung von persönlichen Verletzungen in Südafrika in Anwendung gebracht.[1] Es fand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre Eingang in Europa im Zusammenhang mit Aufarbeitungsprozessen in Nordirland.[2]

2004 beschlossen die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) das gemeinsame Projekt „Healing of Memories – Brücke zwischen Kirchen, Kulturen und Religionen in Südosteuropa“. Das Projekt startete in Rumänien als „Brückenland“ zwischen ost- und westeuropäischen Kulturen. Projektkoordinator wurde der württembergische Pfarrer Dieter Brandes, ehemaliger Generalsekretär des GAW, dessen Arbeit durch die Württembergische Landeskirche und „Kirchen helfen Kirchen“ sowie zunächst auch durch das GAW finanziert wurde.

Es folgten HoM-Prozesse in Bulgarien, Ukraine, Ungarn, Serbien und Bosnien-Herzegowina, bei denen auf zahlreichen Tagungen und in Einzelprojekten Kulturen und Religionsgemeinschaften in einen Versöhnungsdialog gebracht wurden.

HoM war in seinen Anfängen in Südafrika ein Konzept der Versöhnung zwischen Einzelpersonen, aber im Austausch mit der „Irish School of Ecumenics“ wurde ein spezifischer Ansatz „HoM in Europe“ entwickelt, der ganze Kirchen in die Versöhnungsarbeit brachte und die heute bei HoM dominierende Aspekte der Versöhnung und des Dialogs zwischen Gruppen und Kulturen entwarf. Grundlage dafür ist die Charta Oecumenica, speziell die Artikel drei, sechs und acht zu Aufarbeitung, Dialog und Versöhnung zwischen Kirchen.

In Folge der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung gründete der langjährige Koordinator von „HoM in Südosteuropa“ Dieter Brandes im Jahr 2008 in Hermannstadt/Sibiu im Rahmen der Stiftung „Reconciliation in South East Europe“ (RSEE) das „Ökumenische Institut für Healing of Memories“. Hier wurden zweisemestrige ökumenische Kurse in interreligiöser und interkultureller Kommunikation, Seelsorge und Mediation an Siebenbürger Universitäten entwickelt, die inzwischen auch zur Vorlage für Versöhnungsarbeit im zentralen Afrika (Kongo-Rwanda-Burundi) geworden sind. Beteiligt an der Arbeit von RSEE sind die orthodoxe, die reformierte, die griechisch-katholische und die beiden evangelisch-lutherischen Kirchen Rumäniens sowie der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der Lutherische Weltbund und der Reformierte Weltbund. Die Arbeitsgebiete von RSEE sind Konferenzen und Workshops, die Publikationsreihe „Reconciliatio“ und die Bildungsarbeit im Horizont von HoM.

In der Nachfolge von Dieter Brandes, der inzwischen „Senior Advisor“ für den ÖRK in Afrika ist, leitet seit November 2010 Dr. Walter Gebhardt, gleichzeitig Direktor der Stiftung Bavaria-Romania für soziale Assistenz in Rumänien, die RESS. Präsident der Stiftung ist der emeritierte Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, Prof. Dr. Christoph Klein. Der Schwerpunkt der derzeitigen Arbeit der RESS besteht im Ausbau der Fortbildungskurse zu einem staatlich anerkannten Masterstudiengang „Interkulturelle und Interreligiöse Mediation“.

Heute wird der im Institut der RESS in Hermannstadt/Sibiu entwickelte Dreischritt von HoM „Gemeinsam die Geschichte aufarbeiten – Teilnehmen am Schmerz der Anderen – Die Zukunft gemeinsam gestalten“ in afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Versöhnungsprozessen praktiziert und durch den Ökumenischen Rat der Kirchen unterstützt.[3]

Gisa Bauer, Bensheim

gedruckt in: Die evangelische Diaspora. Jahrbuch des Gustav-Adolf-Werks 82 [2013], 92f.

[1]      Vgl. To remember and to heal. Theological and psychological reflections on truth and reconciliation/ ed. by H. Russel Botman and Robin M. Petersen. Cape Town, Pretoria, Johannesburg 1996; Das Schweigen gebrochen (Out of the shadows). Geschichte – Anhörungen – Perspektiven/ hrsg. von der Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrika mit einem Vorwort von Desmond Tutu, Nachwort von Dullah Omar. Frankfurt/M., Wien 2000.
[2]      Vgl Reconciling Memories/ ed. by Alan D. Falconer and Joseph Liechty. Dublin 21998; McEvoy, Kieran: Making Peace with the Past. Healing through remembering. Options for truth recovery regarding the conflict in and about Northern Ireland, in: Healing of Memories in Europe. A Study of Reconciliation between Churches, Cultures and Religion/ ed. by Dieter Brandes. Cluj-Napoca 2007, 144-155.
[3]    Vgl. Brandes, Dieter: Heilende Erinnerung, in: Gerechtigkeit. Jahrbuch Mission 2011/ hrsg. von Bettina von Clausewitz. Hamburg 2011, 179-186.


Weiterführende Literatur:

Die Geschichte der christlichen Kirchen aufarbeiten. Healing of Memories zwischen Kirchen, Kulturen und Religionen. Ein Versöhnungsprojekt der Kirchen in Rumänien/ hrsg. von Dieter Brandes und Olga Lukács. Cluj Napoca, Leipzig 22009 (Reconciliatio; 2).

Reconciliation between Peoples, Cultures and Religions. Reconciliation in Bosnia-Herzegovina compared to European-wide experiences. The European interreligious consultation on “Healing of Memories”. Sarajevo, Bosnia-Herzegovina, May 3-6, 2010/ ed. by Manoj Kurian, Dieter Brandes, Olga Lukács and Vasile Grăjdian. Hermannstadt 2012 (Reconciliatio; 6).

Telling Stories of Hope. Reconciliation in South East Europe compared to worldwide experiences. Festschrift in Honour of Rev. Dieter Brandes to his 65th Birthday/ ed. by Vasile Grăjdian and Olga Lukács. Cluj Napoca, Leipzig 2010 (Reconciliatio; 4).

Forschungsgebiet(e):