„Der liebe Gott hat Humor“, mag mancher Teilnehmer gedacht haben, der am 29.10. ins Augustinerkloster nach Erfurt gekommen war. Dass der Studientag „Nonkonformisten – Märtyrer – Visionäre. Der Beitrag der täuferischen Kirchen zu Theologie, Ökumene und Weltdeutung“ der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) ausgerechnet hier stattfand, wo Luther als Mönch gelebt hatte, ist bemerkenswert. Noch bedeutender ist, von wem er organisiert wurde: Neben der ACK vom Verein „500 Jahre Täuferbewegung 2025 e.V.“; dessen Steuerungsgruppe besteht zum einen aus Vertreter*innen Mennonitischer Organisationen und des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (mehrheitlich also Baptisten), zum anderen aus Referenten der Ökumenischen Centrale der ACK und je einem Vertreter des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn sowie des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim.

Die Geschäftsführerin der Ökumenischen Centrale, Dr. Verena Hammes, und die Vorsitzende des Vereins, PDin Dr. Astrid von Schlachta, führten durch den Studientag. Zunächst gab der zweite Vorsitzende des Vereins, Dr. Andreas Liese, einen Überblick über die Planungen für das Täufergedenken. Als Zielsetzungen nannte er zum einen, die Anliegen der Täuferkirchen in der Gesellschaft bekannter machen, zum anderen die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen (täuferischen) Geschichte. Sodann stellte Pfr. i.R. Hans-Joachim Köhler das Projekt Reinhardsbrunn vor: Hier hatten 1530 die ersten Hinrichtungen von Taufgesinnten durch die lutherische Obrigkeit stattgefunden. Nun sind es (u.a.) Lutheraner, die für Gedenken an die Opfer sorgen.
Den ersten Hauptvortrag hielt die Oldenburger Professorin für Kirchengeschichte und baptistische Pastorin Dr. Andrea Strübind: „Historische Einordnung und Bedeutung des Täufertums als reformatorischer Bewegung“. Noch während des 2017 (mit vorausgegangener Dekade) begangenen Reformationsjubiläums hatten allzu viele von der ‚eigentlichen‘ Reformation mit ihren beiden Hauptströmungen (lutherisch und reformiert) und daneben von devianten Randgruppen gesprochen, schlimmstenfalls die täuferische Bewegung gar nicht als Teil der Reformation anerkannt. Dagegen warb Strübind intensiv für ein inklusives Verständnis von Reformation. Es war gerade erst die Vielgestaltigkeit der Reformation – inklusive der täuferischen Bewegungen und Überzeugungen –, die in kontroverstheologischen Klärungsprozessen dazu beigetragen haben, stabile und innovative Ausformungen protestantischen Christseins zu entwickeln.

Der Hannoveraner Systematiker Prof. Dr. Marco Hofheinz stellte in seinem Vortrag „The baptist Vision. Impulse aus den täuferischen Kirchen für die Systematische Theologie und Ethik“ die nordamerikanischen Theologen Bender, Yoder, McClendon und Hauerwas vor. Hier wurde u.a. auch deutlich, dass es noch sehr viel mehr (Frei-)Kirchen bzw. christliche Bewegungen gibt, die Anliegen der täuferischen Kirchen teilen und damit heutzutage einen beträchtlichen Anteil an der Weltchristenheit haben, insbesondere die Pfingstbewegung.

Zu ergänzen ist aber z.B. auch die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, von der ebenfalls manche an diesem Studientag teilnahmen. Außerdem waren z.B. Alt-Katholiken und Orthodoxe und einige römisch-katholische Menschen unter den rund 80 Teilnehmenden, vor allem aber Mennoniten und Baptisten, jedoch nur wenige Landeskirchler. Offensichtlich hat der Verein „500 Jahre Täuferbewegung 2025“ jedenfalls in Deutschland noch manches zu tun, bis die Bedeutung täuferischen Lebens und Denkens für das christliche Zeugnis weiteren Kreisen in Kirchen und Öffentlichkeit klar geworden sein wird. Die vier parallel stattfindenden Workshops am Nachmittag galten genau dieser Frage: wie die Anliegen des Täufergedenkens umgesetzt werden können. Welche Formen und Methoden, welche Medien könnten eingesetzt werden, welche Zielgruppen sollten erreicht werden? Die Steuerungsgruppe bekam, wie erhofft, in diesen Workshops eine Vielzahl von Anregungen und Ideen für ihre Weiterarbeit.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion unter Leitung von Verena Hammes wurden zunächst die vier Podiumsgäste gefragt, welchen positiven Beitrag die täuferischen Kirchen für die Ökumene leisten, aber auch, wo Grenzen gesehen werden. Es antworteten neben dem mennonitischen Pastor Alexander Neufeld und der mennonitischen Historikerin Astrid von Schlachta auch zwei Mitglieder des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses (DÖSTA) der ACK, die römisch-katholische Münsteraner Theologieprofessorin Dr. Dorothea Sattler und der unierte Freikirchenreferent des KI Bensheim, Dr. Lothar Triebel. Beide hoben insbesondere hervor, dass die von den täuferischen Kirchen ausgehende Herausforderung beim Thema „Taufe“ sowohl der römisch-katholischen Kirche als auch den evangelischen Landeskirchen geholfen habe, das Taufbewusstsein zu stärken. Positiv seien u.a. auch das friedensethische Engagement v.a. auf mennonitischer Seite und das Eintreten für Religionsfreiheit v.a. auf baptistischer Seite hervorzuheben, so Triebel weiter. Sattler hob als einen Schatz der täuferischen Bewegungen das Vertrauen auf Gottes Gegenwart in der feiernden Gemeinde hervor. Anfragen an die täuferischen Kirchen sahen die Podiumsteilnehmer insbesondere hinsichtlich der Mennoniten bei einer fehlenden zentralen Organisation, die das ökumenische Gespräch erschwerten, sowie im Kirchen- und Abendmahlsverständnis, das des weiteren Dialogs bedürfe.

Zum Schluss des Podiums wurden verschiedene Wünsche an das 500-jährige Täufergedenken herangetragen: Eine Heilung der Erinnerung anzustoßen, Menschen neugierig zu machen und miteinander ins Gespräch über den Glauben zu bringen und ökumenisch gemeinsam das Gedenken zu begehen. Dafür hat der Studientag einen ersten Schritt getan.