Zahllose Gebetsinitiativen hat es in den letzten zwei Monaten gegeben, bei denen Menschen ihren Sorgen und Nöten, Bitten und Hoffnungen angesichts der Corona-Pandemie gemeinsam Ausdruck verliehen. Sei es in häuslicher Gemeinschaft, in durch elektronische Medien hergestellter Gemeinsamkeit oder aber je für sich, doch zeitgleich und z.B. durch die örtlichen Kirchenglocken zum Gebet gerufen.

Die zahlenmäßig größte Aktion dieser Art im deutschsprachigen Raum war „Deutschland betet gemeinsam“, https://deutschlandbetetgemeinsam.de (Dbg). So hieß eine live im Internet veranstaltete ökumenische Aktion am späteren Nachmittag des Karmittwochs. Nach Selbstaussage der Initiatoren waren über eine halbe Million Beter dabei; eine unabhängige Medienanalyse liegt nicht vor. Auf YouTube (direkt und vermittelt durch Focus Online) sowie über die beteiligten christlichen Fernsehsender Bibel TV, EWTN TV und ERF war das Ereignis zu verfolgen; zwischenzeitlich konnte man sich mithilfe einer Interaktionssoftware beteiligen.

Geprägt war die Gebetsaktion durch die Frömmigkeit des römisch-katholisch geleiteten Gebetshauses Augsburg und protestantischer Evangelikaler. Zu den Unterstützern zählten neben einigen Politiker*innen eine Reihe von römisch-katholischen, landeskirchlichen und freikirchlichen leitenden Geistlichen und ein orthodoxer Metropolit, zumeist aus dem süddeutschen Raum. Außerdem hatten sich etliche Freikirchen und die ACK Bayern sowie eine Vielzahl von evangelikalen und charismatischen Organisationen in die Liste eingetragen.

Ob die Aktion wiederholt werde, sei offen, aber denkbar, sagte der Initiator und Leiter Johannes Hartl am Tag nach der Premiere von Dbg. Dann kam es aber doch relativ schnell zur Fortsetzung in Form von täglichen Gebeten um 19 Uhr als „Livestream von Deutschland betet gemeinsam“ auf YouTube unter dem Titel „Live um 7“. Corona ist längst kein Hauptthema mehr. Am 13.5. zum Beispiel wurde unter dem Motto „Europe shall be saved“ „für die Verlorenen in Europa“ gebetet. Die Zahl der Seitenaufrufe betrug in der 20. Kalenderwoche noch zwischen 1659 und 1162; in der 21. KW waren es nur noch zwischen 1309 und 446.

Das nächste Großereignis ist „Gemeinsam vor Pfingsten“, https://gemeinsamvorpfingsten.org, das am Do., den 28.5. stattfinden soll. Nun geht es darum, den „ganzen deutschsprachigen Raum zu einem online-Gebetstreffen [zu] verbinden“. Trägerkreis und Unterstützerliste weisen erhebliche Kontinuität zu Dbg auf, sind aber deutlich erweitert (und einige Namen sind verschwunden). Wiederum sind nur wenige Namen weiblich (6 von 49); einige „Migrationshintergründe“ lassen sich erahnen. Klickt man auf der Netzseite auf „Impressum“, öffnet sich die Impressumsseite des Gebetshauses Augsburg; die Pressemitteilung kommt wie schon bei Dbg von der Münchener Gemeinde der Freikirche ICF. Geleitet wird die online-Veranstaltung erneut von Johannes Hartl, diesmal zusammen mit Frauke Teichen von ICF München. Anders als zuvor gibt es nicht nur einen Ort, sondern „Austragungsorte [sic!] sind einige der wichtigsten Gotteshäuser Zentraleuropas, unter anderem die Frauenkirche Dresden, das Großmünster Zürich und die Votivkirche Wien, aber auch aktuelle Initiativen wie die Urban Life Church Ludwigsburg.“ Die Pressemitteilung spart auch sonst nicht mit Superlativen: „Sowohl physisch in kleinen Gruppen als auch online jeder für sich treffen sich Christen in einer Bandbreite verschiedener Strömungen wie noch nie zuvor. (…) ‚Gemeinsam vor Pfingsten‘ füllt alte Gemäuer mit neuem Leben und bietet die Plattform für das größte Miteinander im Glauben, das Zentraleuropa je gesehen hat.“ Zwei Tage vor dem Ereignis hatten sich allerdings erst 3424 Teilnehmer registriert.

Keine Frage: Dbg war in der Weise, wie es Menschen vieler verschiedener christlicher Traditionen und durchaus unterschiedliche christliche Kirchen, Organisationen und leitende Geistliche verband, ein ökumenisches Ereignis. Es bleibt abzuwarten, ob dem gemeinsamen Beten theologische Klärungen und kirchenpolitische Konsequenzen folgen. Ökumenepolitisch von Interesse ist u.a. die Umkehrung der Initiative bzw. Leitung. Während sich bisher an der Allianzgebetswoche in 8% der örtlichen Allianzen rk. Gemeinden beteiligt haben, liegt nun die Führung eindeutig beim rk. geleiteten Augsburger Gebetshaus und ist die Unterstützung durch rk. Bischöfe und Äbte mindestens so stark wie die durch landeskirchlich-ev. Bischöfe sowie freikirchliche Präsides etc. Ob aus dem Miteinander verschiedenster freikirchlicher Gemeinden bei Dbg, Christlicher Convent Deutschland (CCD) etc. langfristig Anträge weiterer Bünde auf Mitgliedschaft in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen folgen werden? Und wird es aufgrund guter Erfahrungen solcher Gemeinden im Miteinander mit rk. und landeskirchlichen Menschen auch Anträge auf Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) geben? Und wie werden sich in Zukunft ACK-(Gast-)Mitgliedskirchen, von denen auf den Unterstützerlisten bisher nichts zu lesen war, wie z.B. Armenisch-Apostolische Orthodoxe Kirche, Äthiopisch-, Koptisch- und Syrisch-orthodoxe Kirche, Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche, Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und Neuapostolische Kirche in Bezug auf Mitwirken bei Veranstaltungen wie Dbg verhalten? Befördert die Coronakrise, genauer: das Beten während der Krise ökumenische Entwicklungen, die sonst nicht oder erst später eingetreten wären?

Wie eingangs erwähnt gab und gibt es zahlreiche weitere Gebetsaktionen und -initiativen im Zusammenhang der Coronakrise. Die vielleicht bedeutsamste war der weltweite Gebetstag der Religionen am 14. Mai (ausgerechnet am Namenstag der Heiligen Corona), vgl. https://www.dw.com/de/globale-gebete-gegen-corona-pandemie/a-53429947 und https://bistummainz.de/pressemedien/pressestelle/nachrichten/nachricht/Appell-fuer-interreligioesen-Gebetstag-am-14.-Mai/. Zum möglichen Vorwurf, der Gebetstag sei „religiöser Relativismus“, sagte Papst Franziskus: „Das ist es nicht. Jeder betet zu Gott, so gut er kann, nach der je eigenen Kultur und Religion.“

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Pfr. Dr. Lothar Triebel
Referat Freikirchen

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