„Wenn die Kirche nicht Eucharistie feiert, ist sie keine Kirche mehr. Und umgekehrt gilt deshalb: Die Eucharistie konstituiert die Kirche, Eucharistie bedeutet Kirche.“ So hat der griechisch-orthodoxe Metropolit von Deutschland einmal das zentrale Verständnis von Kirche in der orthodoxen Theologie beschrieben. Die Maßnahmen, die nun wegen der Corona-Krise erlassen worden sind, bedeuten hier eine besondere Herausforderung. In Griechenland kam es daher sogar dazu, dass ein Bischof verhaftet wurde, weil er sich mit Berufung auf die Religionsfreiheit weigerte, der staatlichen Anordnung Folge zu leisten und seine Kirche zu schließen, sondern stattdessen weiterhin mit den Gläubigen die Göttliche Liturgie feierte.

Für die orthodoxen Kirchen stellt die Corona-Krise aber nicht nur die Kirche als solche in Frage, sie stellt auch Fragen zum Verständnis der Eucharistie und zur Praxis der Kommunion. Ganz konkret heißt das: Kann durch das Abendmahl eine Krankheit übertragen werden? Denn das Abendmahl, die Eucharistie wird verstanden als ein Heilmittel gegen das Böse allgemein. Ein Virus wie der, mit dem wir es derzeit zu tun haben, gehört zum Bereich des Bösen. Eine Antwort von orthodoxer Seite, die man wohl am häufigsten finden kann, lautet: Der Leib und das Blut Christi können nicht Böses vermitteln, aber die bei der Feier anwesenden Gläubigen, die fehlbare Menschen sind, können die Krankheit übertragen, wenn sie sich zu nahe kommen.

Auf dieser Grundlage haben alle orthodoxen Kirchen Richtlinien erlassen, die z.B. die Desinfektion von Ikonen regeln bzw. die Gläubigen dazu auffordern, öffentlich benutzte Ikonen nicht mehr zu küssen. Gläubige werden aufgefordert, zu Hause zu beten, wenn sie sich krank fühlen bzw. generell auf den Kirchenbesuch zu verzichten. Es gibt aber auch Kirchen, in denen man die Kommunion nicht mehr in der üblichen Form mit einem kleinen Löffel austeilt. Dass aber gar keine Gottesdienste mehr stattfinden könnten, scheint in den meisten Regionen in Osteuropa (noch?) undenkbar.

Insgesamt kann man sagen, dass die Herausforderungen für die orthodoxe Kirche auf mehreren Ebenen liegen: das Selbstverständnis der Kirche wird in Frage gestellt, aber auch das Verhältnis der Kirche zum Staat, das Verständnis des Abendmahls und seiner Bedeutung, das Verständnis des Bösen und der Umgang mit Leid und Tod. Letztlich sind diese Themen aber Fragen, die alle Kirchen betreffen. Können wir sie gemeinsam bewältigen?

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Pfrin. Dr. Dagmar Heller
Wissenschaftliche Referentin für Orthodoxie und kommissarische Leitung

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