Am vergangenen Sonntag (19. April) feierten die orthodoxen Kirchen das Fest der Auferstehung Christi. Wie schon eine Woche früher beim westlichen Osterfest geschah auch dieses in den meisten Ländern bei geschlossenen Kirchen und an Bildschirmen.

In Serbien hatte die Orthodoxe Kirche – allerdings vergeblich – bei der Regierung den Antrag gestellt, das Ausgehverbot am Ostersonntag aufzuheben. Auch in Rumänien blieben die Kirchen geschlossen, die Osterliturgie wurde ohne Gläubige gefeiert. Allerdings wurde an einigen Orten das Osterlicht auf Anfrage der Gläubigen von Haus zu Haus – mit Maske und Handschuhen – verteilt. In Russland blieben die Kirchen ebenfalls für größere Menschenansammlungen geschlossen. Hier hatte Patriarch Kyrill nach einigem Zögern bereits Ende März die Gläubigen aufgerufen, nicht mehr in die Kirche zu gehen. „Ihr verratet Christus nicht, wenn Ihr nicht in die Kirche geht. Ihr verratet Christus jedoch, wenn wegen Euch jemand krank wird.“ Mit diesen Worten versuchte Metropolit Hilarion von Volokolamsk, der Leiter des Kirchlichen Außenamts in Moskau, den Menschen diese Maßnahmen zu verdeutlichen. In einer Kirche in Moskau waren bereits in den letzten Wochen auf dem Boden im Abstand von anderthalb Metern die Plätze für die Gläubigen markiert worden. Mehr Menschen als dadurch festgelegt wurden nicht in die Kirche gelassen. Mundschutz und höchste Hygiene bei der Kommunion waren obligatorisch.

Insgesamt gab es jedoch – anders als in den westlichen Kirchen – in vielen traditionell orthodoxen Gegenden größeren Widerstand von Seiten der Gläubigen gegen die Einschränkung von Gottesdiensten. Einige Gemeinden in Russland widersetzten sich den Anordnungen der Behörden und des Patriarchats. Ein Erzbischof erklärte die Maßnahmen für verfassungswidrig. In Georgien blieben auch an Ostern die Kirchen offen – mit der Maßgabe eines Abstandes von zwei Metern zwischen den Gläubigen. Ebenso blieben in Bulgarien die Kirchen geöffnet, die Liturgie wurde im Freien abgehalten. In Deutschland hielten sich orthodoxe Gemeinden an die behördlichen Vorgaben. Die Gottesdienste der Heiligen Woche und die Osternacht wurden live übertragen. Von der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland wurde ein Papier an die Gläubigen verteilt mit Gebetstexten, dem bekannten Osterhymnus „Christus ist auferstanden“ und einer Anleitung wie man die Osternacht zu Hause feiern kann. Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel hatte die konsequente Umsetzung der außerordentlichen Maßnahmen angeordnet und darauf aufmerksam gemacht, dass Ostern nicht auf einen bestimmten Tag beschränkt ist, sondern jede göttliche Liturgie das Osterfest ist.

Ein Sonntag ohne Göttliche Liturgie oder eben Ostern ohne Osternachtfeier ist für Orthodoxe nur schwer vorstellbar. Das hängt damit zusammen, dass für sie das Gemeinschaftsgefühl im Gottesdienst generell und insbesondere an Ostern als dem höchsten kirchlichen Fest eine ganz wesentliche Rolle spielt. Der serbische Bischof in Deutschland, Grigorije, sagte deutlich: „Liturgie setzt voraus, dass die Menschen präsent sind. Stellen Sie sich vor, Sie versuchen, digital an einer Hochzeit teilzunehmen. Man kann nicht sagen, man nimmt teil, man ist mehr Beobachter als Teilnehmer.“ Heftig diskutiert wird daher in allen orthodoxen Kirchen, nicht nur unter Geistlichen, sondern auch unter den Gläubigen, wie mit dem Virus richtig umzugehen ist. Mit der Eucharistie steht und fällt die Kirche, sie ist das Zentrum der Gemeinde. Ohne Eucharistie ist die Kirche nicht. Dieses kleine unsichtbare Virus stellt daher die Orthodoxe Kirche, – aber sicher nicht nur diese –, grundlegend in Frage. Allerdings gibt es in der Orthodoxie auch Ansätze zur Idee eines eucharistischen Fastens. Patriarch Kyrill hat deshalb auf eine orthodoxe Heilige verwiesen, die Heilige Maria von Ägypten, die über 40 Jahre als Eremitin in der Wüste ohne Eucharistie gelebt hat.

Ansprechpartnerin

Pfrin. Dr. Dagmar Heller
Wissenschaftliche Referentin für Orthodoxie und kommissarische Leitung

Telefon

06251.8433.19