Am 4. und 5. März 2015 fand an der Universität Jena eine interdisziplinäre Tagung zum Thema “Diaspora” statt. PD Dr. Gisa Bauer, Ostkirchenreferentin am Konfessionskundlichen Institut in Bensheim, referierte über “Rumänien: Konfessionelle und nationale Diaspora”.  Der Begriff Diaspora bezeichnet ursprünglich religiöse Minderheiten innerhalb einer religiös anders bestimmten Mehrheitsgesellschaft. Die deutschsprachige Theologie des 20. Jahrhundert bezieht sich dabei insbesondere auf protestantische und katholische Minderheiten. “Diaspora” stellt dabei nicht nur eine empirische Beschreibung von Minderheitsverhältnissen dar, sondern enthält auch theologische und biblisch orientierte Deutungen dieser Minderheitssituation. Gegenwärtig knüpfen Theologie und Kirche kaum noch an diese traditionellen Deutungen an.
Diesem Befund kontrastiert eine große Erfolgsgeschichte des Begriffs in anderen wissenschaftlichen Kontexten. Der Begriff “Diaspora” ist aus der Theologie ausgewandert und mit neuen Inhalten gefüllt worden: In den Kultur- und Sozialwissenschaften, insbesondere der englischsprachigen akademischen Welt wird er in der Erforschung der Geschichte und Gegenwart von ethnischen, kulturellen oder nationalen Minderheiten immer häufiger verwendet. Ihm wird zugetraut, soziale und kulturelle Prozesse in der zunehmend von Migration und Globalisierung geprägten Gegenwart erfassen zu können.
Die Kultur- und Sozialwissenschaften haben sich dabei vor allem drei Fragestellungen gewidmet:
1. Wie wird in Minderheiten-Gemeinschaften eine Diaspora-Identität hergestellt?
2. Welche komplexe Rolle spielt die imaginierte Heimat für die Diaspora-Identität?
3. Wie verhalten sich bei Diaspora-Gemeinschaften Außenzuschreibung und Innenperspektive zueinander?
Dabei gilt das übergeordnete Forschungsinteresse auch immer der Frage, wie sich in der gegenwärtigen multikulturellen und individualisierten westlichen Welt Identität bildet und stabilisiert.
Während einerseits die Theologie sich also weitgehend vom Begriff Diaspora verabschiedet hat, sich aber der Erforschung von christlicher Religion in säkularen und postsäkularen Gesellschaften intensiv widmet, greifen andererseits Kultur- und Sozialwissenschaften den Diaspora-Begriff auf, aber ohne sich näher mit der Situation christlicher Minderheiten auseinanderzusetzen.
Die Tagung will daher theologische Forschung und Diaspora-Diskurse der Kultur- und Sozialwissenschaften zusammenbringen, um die Situation evangelischer Minderheiten in Europa zu untersuchen.

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