Am 10. und 11. Juni 2021 fand online eine Tagung mit dem Titel „Quo vadis orthodoxe Theologie?“ unter dem Dach der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart statt, organisiert vom ‚Arbeitskreis orthodoxer Theologinnnen und Theologen im deutschsprachigen Raum‘. Dabei handelt es sich um einen neuen Zusammenschluss, der 2020 in Wien gegründet wurde Fahinter stehen der Wunsch und die Notwendigkeit für Orthodoxe im akademischen Bereich, sich besser zu vernetzen und auszutauschen. Denn in der Diaspora-Situation stellen sich andere und neue Fragen und Herausforderungen für die Theologie als in den Heimatkirchen.

Auf diesem Hintergrund nahm die Tagung mehrere unterschiedliche Themen auf. Zunächst ging es um die Frage, wie sich die Orthodoxie in der Postmoderne verortet. Dabei stellte Prof. Dr. Assad Elias Kattan fest, dass es zwischen Orthodoxie und Postmoderne keinen Widerspruch gibt, aber eine Spannung besteht. Er sieht die dringende Notwendigkeit, innerhalb der Orthodoxie die Debatte darüber zu führen und sie für die Vielfalt zu sensibilisieren.

Ein zweites Thema war die Frage der Synodalität der orthodoxen Kirche, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr als Hemmschuh für die Orthodoxie und ihre Integration in der modernen Welt gezeigt hatte. Prof. Dr. Athanasios Vletsis stellte fest, dass die Unterdrückung der Autokephalie so etwas wie die Ursünde in diesem Zusammenhang sei. Er fordert eine Theorie der Konziliarität. Prof. Dr. Ioan Moga ergänze diesen Gedanken und sah den Schlüssel in der Beteiligung des Kirchenvolkes, die eine Stärkung des Blickes auf die Bedürfnisse der Gemeinden voraussetzt.

Das Verhältnis der orthodoxen Kirchen in den deutschsprachigen Ländern zu ihren Heimatkirchen war ein weiterer Diskussionsgegenstand. Pater Radu Constantin Miron zeigte mehrere Spannungen auf, die für orthodoxe in der Diaspora einen Spagat erforderlich machen: a) die Spannung zwischen dem altkirchlichen Territorialprinzip (an einem Ort nur ein Bischof) und dem Prinzip, dass jede autokephale Kirche das Recht hat, ihre Gemeinden in der Diaspora zu betreuen, b) die Spannung zwischen unterschiedlichen Gegebenheiten in den Mutterländern und in der Diaspora.

Diese Thematik führte dann über in die Frage des orthodoxen Religionsunterrichtes und die spezifischen Probleme, die mit dem Unterreicht an öffentlichen Schulen zusammenhängen.

Ein letztes Thema war die Frage nach der orthodoxen Theologie als akademische Disziplin. Hier stellen sich Fragen nach der Wissenschaftlichkeit von Theologie, denen auch katholische und evangelische Theologie ausgesetzt sind. Spezifische Probleme für orthodoxe Theologen stellen sich, wie Dr. Anna Briskina-Müller deutlich machte, dadurch, dass im deutschsprachigen Bereich die akademische Theologie eine wissenschaftliche Freiheit und Unabhängigkeit beansprucht, die in den Heimatländern unbekannt ist. Man sehe sich mit einem zweifachen kritischen Gegenüber konfrontiert: den anderen universitären Disziplinen und den anderen konfessionellen Fakultäten.

Der neu gegründete Arbeitskreis versteht sich als ökumenisch offen, weshalb auch nicht-orthodoxe Teilnehmende eingeladen waren, – darunter die Orthodoxiereferentin des Konfessionskundlichen Instituts Dr. Dagmar Heller -, die sich an den Diskussionen zu den einzelnen Themen rege beteiligten.