Die Ordnung der Kirche

Die Gestalt der sichtbaren Kirche (als Institution) ist nicht beliebig, sondern aus ihrem Wesen abgeleitet. Damit sie Heilsmittel sein kann, ist ihr von ihrem Ursprung her eine Ordnung mitgegeben. Zu ihr gehören die Sendung (der „Apostolat“) der Laien in der Welt und die Sendung der Hierarchie der Kirche.

Als „Laie“ wird jeder Glaubende verstanden, „mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes“ (LG 31). Die Laien sind dazu aufgerufen, „dafür zu wirken, dass der göttliche Heilsratschluss mehr und mehr alle Menschen aller Zeiten und überall auf der Erde erreiche.“ (LG 33)

Der Stand der Amtsträger (der Klerus) ist von den Laien qualitativ verschieden. Den Amtsträgern ist in abgestufter Weise durch Christus das Amt des Hirten verliehen. Weil der Hirte anstelle Christi handelt, muss er Christus gleichgestaltet sein. Weil Christus selbst nur Männer in den Dienst berief, können nur Männer zu Amtsträgern berufen werden.

Das geistliche Amt ist dreigeteilt. An der Spitze steht der Bischof. Er gilt als Nachfolger der Apostel, die von Christus selbst berufen wurden. Durch Handauflegung und Gebet wird er zum Dienst der Verkündigung, der Sakramente und der Leitung berufen. Weil er in seiner Person Christus in der Gemeinde verkörpert (LG 22), ist sein Amt heilsnotwendig (sakramental). Die Amtsübertragung wird dadurch selbst zum Sakrament (Weihe). Seine Weihe ist die höchste der drei sakramentalen Weihestufen. „Die Bischöfe leiten die ihnen zugewiesenen Teilkirchen als Stellvertreter und Gesandte Christi durch Rat, Zuspruch, Beispiel, aber auch in Autorität und heiliger Vollmacht.“ (LG 27) Sie sind in diesem Sinn Mitarbeiter Gottes am Aufbau seiner Kirche in der Welt. Die Bischöfe sind demnach „aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten … Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat.“ (LG 20) Deshalb können die Bischöfe von den Gläubigen Gehorsam verlangen. „Die Gläubigen aber müssen mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anhangen.“ (LG 25)

Als Helfer des Bischofs fungiert der Priester. Dieses Amt entwickelte sich als zweite sakramentale Weihestufe aus dem Presbyterium, das in der Alten Kirche den Bischof bei der Leitung einer größeren Ortskirche unterstützte. Der Priester wird vom Bischof geweiht und dazu beauftragt (in der Regel als Pfarrer), in den Gemeinden das Evangelium zu verkünden, den Gottesdienst und die Eucharistie zu feiern und so als Stellvertreter des Bischofs den Hirtendienst in der Gemeinde am Ort wahrzunehmen. „Die Priester haben zwar nicht die höchste Stufe der priesterlichen Weihe und hängen in der Ausübung ihrer Gewalt von den Bischöfen ab; dennoch sind sie mit ihnen in der priesterlichen Würde verbunden und kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi … zur Verkündigung der Frohbotschaft, zum Hirtendienst an den Gläubigen und zur Feier des Gottesdienstes geweiht.“ (LG 28)

An dritter Stelle steht das Amt des Diakons. Seine Weihe bildet die erste sakramentale Weihestufe. Von dieser zum Priesteramt führenden Weihestufe ist der ständige Diakonat zu unterscheiden, der auch von verheirateten Männern ausgeübt werden kann. Der Diakon ist in erster Linie für karitative oder katechetische Aufgaben zuständig. Er kann aber auch liturgische Funktionen übernehmen. Die Diakone „dienen … dem Volke Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebestätigkeit in Gemeinschaft mit dem Bischof und seinem Presbyterium. Sache des Diakons ist es, je nach Weisung der zuständigen Autorität, feierlich die Taufe zu spenden, die Eucharistie zu verwahren und auszuteilen, der Eheschließung im Namen der Kirche zu assistieren und sie zu segnen, die Wegzehrung den Sterbenden zu überbringen, vor den Gläubigen die Heilige Schrift zu lesen, das Volk zu lehren und zu ermahnen, dem Gottesdienst und dem Gebet der Gläubigen vorzustehen, Sakramentalien zu spenden und den Beerdigungsritus zu leiten.“ (LG 29)

So stellt das II. Vaticanum fest: „Christus, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, hat durch seine Apostel deren Nachfolger, die Bischöfe, seiner eigenen Weihe und Sendung teilhaftig gemacht. Diese wiederum haben die Aufgabe ihres Dienstamtes in mehrfacher Abstufung verschiedenen Trägern in der Kirche rechtmäßig weitergegeben. So wird das aus göttlicher Einsetzung kommende kirchliche Dienstamt in verschiedenen Ordnungen ausgeübt von jenen, die schon seit alters Bischöfe, Priester, Diakone heißen.“ (LG 28)

Diese Amtsgestalt der Kirche ist ihr von Gott eingestiftet und deshalb nicht veränderbar. Sie ist folglich auch zum wahren Sein der Kirche notwendig. Kirchen, die eine solche Amtsstruktur nicht kennen, können deshalb keine Kirchen im katholischen Sinn sein.

Der Episkopat und der Papst

Die Bischöfe bilden den Episkopat. Sie bilden gemeinsam das Kollegium der Apostel ab, indem sie deren Amtsfunktionen ausüben (Lehre, Aufsicht, Kultus). Der Episkopat gilt deshalb als von Christus berufen.

„Das Kollegium oder die Körperschaft der Bischöfe hat aber nur Autorität, wenn das Kollegium verstanden wird in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom, dem Nachfolger Petri, als seinem Haupt, und unbeschadet dessen primatialer Gewalt über alle Hirten und Gläubigen. Der Bischof von Rom hat nämlich kraft seines Amtes als Stellvertreter Christi und Hirt der ganzen Kirche volle, höchste und universale Gewalt über die Kirche und kann sie immer frei ausüben.“ (LG 22)

Da der Episkopat der Einheit der Kirche dient, muss er diese Einheit in sich selber abbilden. „Damit … der Episkopat selbst einer und ungeteilt sei, hat [Jesus Christus] den heiligen Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt und in ihm ein immerwährendes und sichtbares Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft eingesetzt.“ (LG 18) Die Einheit des Episkopats wird also in der Person des Bischofs von Rom greifbar, im Papst. Weil Christus als Person die Einheit der Kirche garantiert, muss auch in Analogie dazu eine Person (und nicht etwa ein Prinzip wie z.B. die Mehrheit der Bischöfe) die Einheit der Kirche sichern und repräsentieren. Da laut Mt 16,18 Jesus den Apostel Petrus zum Felsen erklärt hat, auf den er seine Kirche bauen will, und laut Joh 21,15 ihm aufgetragen hat, seine Herde zu weiden, hat der Papst unter den Bischöfen eine ausgezeichnete Stellung. „Der Herr hat allein Simon zum Fels und Schlüsselträger der Kirche bestellt (vgl. Mt 16,18-19) und ihn als Hirten seiner ganzen Herde eingesetzt (vgl. Joh 21,15 ff).“ (LG 22) Als Nachfolger des Petrus kann der Papst deshalb durch göttliches Recht in seiner Person die Einheit und damit die Vollmacht des Bischofskollegiums für sich reklamieren. „Der Bischof von Rom ist als Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen.“ (LG 23)

Das I. Vaticanum stellt daher fest: „Der römische Papst ist der Nachfolger des heiligen Apostelfürsten Petrus; er ist wirklich der Stellvertreter Christi, das Haupt der ganzen Kirche, der Vater und Lehrer aller Christen; ihm ist von unserm Herrn Jesus Christus im heiligen Petrus die Vollgewalt übergeben, die gesamte Kirche zu weiden, zu regieren und zu leiten.“ (PA 10) Damit der Papst die Einheit der Kirche wahren kann, kommen ihm zwei Rechte zu. Erstens besitzt er den Jurisdiktionsprimat, die höchste Rechtsgewalt in der Kirche. Er kann diese rechtliche Vollmacht jederzeit in der ganzen Kirche ausüben und so in die einzelnen Bistümer eingreifen. Der Papst besitzt also „auf Anordnung des Herrn … über alle andern Kirchen den Vorrang der ordentlichen Gewalt.“ Ihm „gegenüber sind daher die Gläubigen und die Hirten jeglichen Ritus und Ranges, und zwar sowohl einzeln wie in ihrer Gesamtheit, zu hierarchischer Unterordnung und zu wahrem Gehorsam verpflichtet. Und das nicht nur in Fragen des Glaubens und des sittlichen Lebens, sondern auch in allem, was zur Disziplin und zur Regierung der Kirche“ (PA 11) gehört.

Zweitens genießt er in Fragen des Glaubens und der Moral Unfehlbarkeit (Infallibilität). In seiner Funktion als Stellvertreter Christi und oberster Hirte der Kirche kann er den Gläubigen durch die Kraft des Heiligen Geistes Lehren vorlegen, die ohne Abstimmung mit dem Episkopat und ohne jegliche Zustimmungsbedingung zu glauben sind. „Wenn der römische Papst ‚ex Cathedra’ spricht, – das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen mit seiner höchsten Apostolischen Autorität erklärt, dass eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten ist, – dann besitzt er kraft des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen wurde, eben jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen in der Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte. Deshalb lassen solche Lehrentscheidungen des römischen Papstes keine Abänderung mehr zu, und zwar schon von sich aus, nicht erst infolge der Zustimmung der Kirche.“ (PA 21) Der Papst ist also nicht von der Zustimmung der Bischöfe abhängig, doch ist ihm diese Zustimmung mit dem Beistand des Heiligen Geistes verheißen. „In diesem Falle trägt nämlich der Bischof von Rom seine Entscheidung nicht als Privatperson vor, sondern legt die katholische Glaubenslehre aus und schützt sie in seiner Eigenschaft als oberster Lehrer der Gesamtkirche.“ (LG 25)

Zusammenfassung:

Das II. Vaticanum fasst das Wesen der Kirche so zusammen: Die Kirche ist „eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst.“ Sie ist die „mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche.“ Die katholische Kirche „ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen.“ Ihre Gestalt ist nicht beliebig, sondern „sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen, ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut.“ Die wahre Kirche Jesu Christi ist demnach „in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet.“ Sie „ist verwirklicht (subsistit) in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ (LG 8)

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