Die Heilige Schrift

Die Heilige Schrift als zentrale Instanz der kirchlichen Lehre wird verstanden als Zeugnis des göttlichen Wortes. Gott spricht Menschen durch sein Wort und seine Taten an. Dadurch sammelt er sie zu seinem Volk. Die Bibel ist das Zeugnis dieses von Gott berufenen Volkes. Im Raum der durch Jesus selbst initiierten Kirche ist die Bibel zugleich Antwort auf Gottes Offenbarung wie auch als solche Richtschnur der Kirche. Als geschriebenes Wort ist sie die Fortsetzung der mündlichen Predigt der Apostel. Sie bildet die Grundlage und Orientierung der weitergehenden Verkündigungstätigkeit der Kirche. Geschrieben sind die biblischen Bücher aufgrund der Inspiration ihrer Autoren. Die Bibel ist demnach nicht als privates Zeugnis verschiedener Menschen zu lesen, sondern als menschliche Vermittlung des göttlichen Wortes selbst. Ähnlich wie den Aposteln selbst der Heilige Geist verliehen wurde, um recht zu predigen, so ist der Geist auch den Autoren der biblischen Texte geschenkt, um die Gewissheiten des Heils unverfälscht zur Kenntnis zu bringen. Bibel ist also nicht deshalb „heilige“ Schrift, weil Gott sie persönlich verfasst hat, sondern weil zum einen der Gegenstand, von dem die Texte zeugen, also im weitesten Sinn Gott, heilig ist, und zum anderen weil der Heilige Geist die Autoren so inspiriert, dass sie das Wort Gottes erkennen und niederschreiben können. Gott kann demnach als der Hauptautor der Schrift bezeichnet werden, während lehrmäßig offensichtlich nebensächliche Widersprüche und Unklarheiten der biblischen Texte auf den sekundären Autor, den konkreten Autor der Texte, zurückzuführen sind.

Um die Schrift richtig zu verstehen, muss man zunächst ihren inneren Zusammenhang beachten. Sie bezieht sich in allen Teilen auf die Offenbarung Gottes in Christus und ist von daher zu verstehen. Da das Heil des Menschen im Mittelpunkt dieser Offenbarung steht, fungiert diese Erkenntnis als hermeneutisches Prinzip der Schriftauslegung. Falsch wäre die Schrift verstanden, wenn man sie gegen ihre Intention als historische Quelle oder naturwissenschaftlichen Beitrag zur Welterklärung lesen würde. Der eigentliche Inhalt, die heilvolle Zuwendung Gottes zum Menschen, gibt die Auslegerichtung jeder einzelnen Textstelle vor und führt zur „kanonischen Lektüre“, die alle Texte des Schriftkanons auf die Mitte des Christusgeschehens hin interpretiert.

Die Heilige Schrift im Rahmen der Kirche

Die Lektüre der Schrift bedarf deshalb letztlich des kirchlichen Kontextes, der diese Mitte bezeugt. Die Schrift muss deshalb in dem Geist ausgelegt werden, in dem sie geschrieben wurde (DV 12). Da sie durch den Beistand des Geistes geschrieben wurde, muss sie demnach auch in diesem ausgelegt werden. In der Analogie des Glaubens kommt der Kirche als dem Spiegelbild Christi die Aufgabe zu, die Bibel letztverantwortlich und autoritativ auszulegen. Im Zweifel über die korrekte Auslegung kommt das Lehramt zum Tragen, dem ausdrücklich die Aufgabe zugewiesen wird, „das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären“ (DV 10).

Insofern lässt sich sagen, dass die Schrift die alleinige und oberste Instanz für die Kirche darstellt, dass sie aber nur durch die Kirche selbst ausgelegt werden kann. Im Gegenüber zur kirchlichen Tradition kommt der Bibel damit eine deutliche Vorordnung zu, da sie das grundlegende Zeugnis der Offenbarung Gottes in der Geschichte darstellt. Ihre Kraft gewinnt die Schrift durch ihre Verbindung mit der Kirche als der menschlichen Antwort auf ihr Zeugnis. Alle Lehraussagen müssen demnach zwar mit der Schrift vereinbar bzw. zumindest der Substanz nach in der Schrift belegbar sein, doch kann die Bibel nicht richtig verstanden werden losgelöst von der kirchlichen Gemeinschaft, in deren Gebrauch sie zur Heiligen Schrift wird. Biblische Erkenntnisse können deshalb nicht von einzelnen Gläubigen gegen die Kirche ins Feld geführt werden. Das Konzil von Trient verurteilt solche Vorgehensweise und hält ausdrücklich fest, dass „niemand wagen soll, auf eigene Klugheit gestützt in Fragen des Glaubens und der Sitten … die heilige Schrift nach den eigenen Ansichten zu verdrehen“ und gegen die kirchliche Lehre zu wenden, da es die Aufgabe der Kirche ist, „über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen.“ (DH 1507)

Forschungsgebiet(e):