Die Tradition

Die Kirche urteilt über die Interpretation der Bibel im Rahmen ihrer Erinnerungskultur. Durch ihre Geschichte hindurch vermittelt sie das Wort Gottes in die Gegenwart. Das Evangelium, das die Apostel von Jesus empfangen haben, wird durch diese ihren Nachfolgern weitergegeben und einem fortlaufenden Prozess bis in die Gegenwart hinein weiter überliefert. Die Überlieferung des Evangeliums gehört deshalb konstitutiv zur Offenbarung hinzu. Eine unmittelbare Interpretation der Schrift unter Absehung der Tradition wäre eine ungerechtfertigte Verkürzung des Schriftzeugnisses und unter hermeneutischen Gesichtspunkten unmöglich. Unter dem Beistand des Heiligen Geistes wächst im Laufe dieses Vorgangs die Einsicht in die Schrift und die Offenbarung selbst. Offenbarung ist demnach ein dynamischer Prozess, in dem immer wieder neue Erkenntnis durch die tiefere Durchdringung des göttlichen Wortes gewonnen werden kann. Die apostolische Tradition der Kirche bezeichnet also einen sich durch die Zeit fortsetzenden Übermittlungsvorgang, der die jeweilige Gegenwart mit ihrem Ursprung verbindet. Die Kirche setzt sich durch die Zeit fort und baut sich durch die Zeit auf.

Als Garant für die korrekte Überlieferung des Evangeliums gilt dabei die apostolische Sukzession (Nachfolge) im Amt der Apostel. Tradition wird demnach gebildet aus der Lebenspraxis und Lehre der Kirche im Fortgang der Zeit, die unter dem Beistand des Geistes das Wort Gottes bezeugt. Das Evangelium wird in diesem Sinn durch die Autorität der Tradition gestützt; diese ist der Raum, in dem die apostolische Überlieferung bewahrt wird. Um aber die Schrift als wichtigste Richtschnur nicht zu verdunkeln und die Tradition als eine zweite Quelle der Offenbarung neben ihr zu etablieren, müssen beide Erkenntnisquellen des Glaubens in rechter Weise einander zugeordnet werden. So wird festgehalten, dass die Heilige Schrift „die höchste Richtschnur ihres Glaubens“ (DV 21) ist. Die Tradition der Kirche ist daneben das Zeugnis des permanenten Gesprächs der Kirche mit Gott (DV 8), wodurch die kirchliche Überlieferung als Vertiefung der Schrift angesehen werden kann. Die Heilige Schrift ist dabei „Gottes Rede“, die Überlieferung gibt das Wort Gottes weiter. Es liegt also in der Linie des dynamischen Verständnisses von Offenbarung, dass das Wort Gottes durch seine Vermittlung an Tiefe gewinnt und das Lehramt immer wieder neu auf das Wort hören kann. Die Kirche gewinnt demnach ihre Lehren nicht nur aus der Schrift allein, sondern auch im dynamischen Prozess der Überlieferung (DV 9). Trotzdem genießen beide nicht den gleichen Rang, sondern sind in unterschiedlichen Bezügen Instanzen für normative Entscheidungen.

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