Gesetz, Gnade und Rechtfertigung

Wenn der so verstandenen Natur normative Bedeutung zukommt, wie ist dann das Verhältnis der Gnade zum sittlichen Naturgesetz zu denken? Auf dem Weg der Heiligung kommt Gott dem Menschen in doppelter Weise entgegen: Er unterweist ihn durch das Gesetz (davon war die Rede) und hilft ihm durch die Gnade. Das Gesetz leitet den Menschen, die Gnade stärkt ihn, dass er das Gesetz erfüllen kann.

„Die Gnade entspricht den tiefsten Erwartungen der menschlichen Freiheit; sie ruft diese auf, mit ihr mitzuwirken, und vervollkommnet sie“ (KKK 2022).

Weil die Gnade der Natur nicht widerspricht, sondern sie voraussetzt, erhebt und vollendet, kann die römisch-katholische Tradition die Gnade oder das Evangelium analog auch als Neues Gesetz bezeichnen.

„Das neue Gesetz ist die Gnade des Heiligen Geistes, die den Gläubigen durch den Glauben an Christus geschenkt wird. Es wirkt durch die Liebe; es lehrt uns mit Hilfe der Bergpredigt des Herrn, was wir zu tun haben, und gibt uns durch die Sakramente die Gnade, dies dann auch wirklich zu tun“ (KKK 1966).

Ein natürlicher Mensch ist zur Feindesliebe etwa nur in begrenztem Maße fähig. Die Fähigkeit dazu entwickelt sich durch die Gnade, die durch die Sakramente eingegossen wird und sich in den eingegossenen Tugenden von Glauben, Hoffnung und Liebe konkretisiert. Die Gnade ermöglicht aber nicht nur die Erfüllung des Gesetzes. Indem sie Christus nachfolgen, arbeiten die Getauften an ihrer Heiligung und vermehren das Potential an Heiligkeit der Kirche: „Die Gnade vereint uns in tätiger Liebe mit Christus und gewährleistet so den übernatürlichen Charakter unserer Taten und folglich ihr Verdienst vor Gott und den Menschen“ (KKK 2011).

Das Werk der Gnade am Glaubenden wird auch als „Rechtfertigung“ bezeichnet. Ohne eigenes Verdienst wird der Glaubende von Gott angenommen und empfängt den Heiligen Geist, der ihn innerlich erneuert und zu guten Werken befähigt. Rechtfertigung ist also ein Prozess der Erneuerung, den der Heilige Geist im Wort und in den Sakramenten in der Gemeinschaft der Kirche wirkt und Gott im ewigen Leben vollendet. Die in der Gnade getanen guten Werke tragen zu einem Wachstum in der Gnade bei, indem die von Gott empfangene Gerechtigkeit bewahrt und die Gemeinschaft mit Christus vertieft werden. Mit dem Begriff der “Verdienstlichkeit” der guten Werke will die katholische Kirche sagen, dass diesen Werken nach dem biblischen Zeugnis ein Lohn im Himmel verheißen ist, und die Verantwortung des Menschen für sein Handeln herausstellen. Sie bestreitet damit aber nicht, dass die Werke der Gottes- und Nächstenliebe letztlich ein Geschenk der Gnade sind.

Innerhalb des Neuen Gesetzes unterscheidet die römisch-katholische Tradition Gebote, die für alle Getauften gelten, und „evangelische Räte“ (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam) für die, die z. B. als Mönche oder Nonnen im Stand der Vollkommenheit leben. Ihr Verhältnis wird heute so bestimmt:

„Die Gebote sollen aus dem Weg räumen, was sich mit der Liebe nicht vereinbaren lässt. Ziel der Räte ist es, zu beheben, was die Entfaltung der Liebe hemmen kann, auch wenn es nicht gegen sie verstößt. – Die Vollkommenheit des neuen Gesetzes besteht wesentlich in den Geboten der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Die Räte geben direktere Wege und tauglichere Mittel dazu an und sollen je nach der Berufung eines jeden in die Tat umgesetzt werden“ (KKK 1973. 1974).

Für das Handeln in der Welt bringt die Offenbarung keine material neuen Normen. Das Lehramt nimmt jedoch die Autorität der Offenbarung für einzelne konkrete (und umstrittene) Normen, die es selber vorlegt, in Anspruch. Demgegenüber sehen manche Moraltheologen das Besondere der christlichen Moral lediglich in einem Motivationshorizont, in den der Glaube das Handeln stellt und der sich inspirierend oder kritisch auf das Handeln auswirkt, wofür sich der Begriff „autonome Moral in christlichem Kontext“ eingebürgert hat (Alfons Auer). Der Glaube vertritt keine eigenen materialen Normen, sondern gibt eine Begründung für die Unverfügbarkeit der Person oder befreit aus der Angst, die den Vernunftgebrauch beeinträchtigen kann (Peter Knauer). Unser moralisches Urteilsvermögen erwächst aus dem Eintreten in eine von Glaube, Hoffnung und Liebe geprägte Lebensform und in der Übernahme einer gemeinsamen Lebenspraxis des Volkes Gottes (Eberhard Schockenhoff). In all diesen Fällen werden die Normen nicht passiv empfangen, sondern jeweils von der Vernunft formuliert. Sie orientiert sich dabei an dem, was der Glaube im Licht des Schöpfer- und Erlösungshandelns Gottes als Bild des Menschen wahrnimmt. Offenbart sind nach dieser Auffassung nur oberste Werte und Güter, aber nie die die Normen selbst.

Eine moralisch „gute“ Handlung

Die Moraltheologie ist aus der Praxis des Bußsakraments heraus entstanden. Sie sollte den Beichtvätern Kriterien an die Hand geben für die Beurteilung von Handlungen und für die Verhängung von Bußleistungen entsprechend der Schwere der Sünde. Daher verfügt die katholische Moraltheologie über eine hoch entwickelte Kasuistik mit Abwägungsregeln, um Handlungen nach ihrem Gegenstand, ihrer Absicht und ihren Umständen zu bewerten.

Wenn ich einem Bettler Geld gebe, weist die Handlung drei Aspekte auf: (1) Ich gebe einem Bittenden Geld; es ist das, was die Handlung ausmacht, der „Gegenstand“ oder das „Objekt“ der Handlung. (2) Ich realisiere eine „Ab­sicht“, das Ziel, einem Notleidenden zu helfen. (3) Vorausgesetzt ist die Notlage des Mannes, sie gehört zu den „Um­ständen“ der Handlung.

Eine vom Objekt her gute Handlung kann moralisch schlecht werden entweder durch eine schlechte Absicht (ich möchte mich als Wohltäter aufspielen) oder durch die Umstände (Almosengeben könnte Faulheit fördern). Hingegen kann niemals eine vom Objekt her schlechte Handlung durch eine gute Absicht gerechtfertigt werden. Folter oder Menschenhandel können durch keine Absicht zu etwas Erlaubtem werden. Der Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist von der katholischen Moraltheologie stets zurückgewiesen worden. Man darf man nicht Böses tun, damit daraus Gutes entstehe (Röm 3, 8).

Da sich die Schwere einer Sünde „hauptsächlich nach ihrem Objekt“ bestimmt, unterscheidet die katholische Tradition zwischen Todsünden und lässlichen Sünden. Zur Todsünde wird eine Tat durch drei Faktoren: wenn sie „eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und dazu mit vollem Bewusstsein und bedachter Zustimmung begangen wird“ (KKK 1857). Was eine „schwerwiegende Materie“ ist, lässt sich den zehn Geboten entnehmen; in der rigoristischen Tradition des Lehramtes gab es im Bereich der Sexualität nur „objektiv schwerwiegende“ Verstöße.

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