Beziehungen zu den evangelischen Kirchen

Für die römisch-katholische Kirche sind die evangelischen Kirchen nicht Kirchen „im eigentlichen Sinn“ (Kongregation für die Glaubenslehre, 2007), sondern „Kirchen anderen Typs“ (Walter Kardinal Kasper Situation und Zukunft der Ökumene. ThQ 181, 2001, (175-190), 184f). Ihnen fehlen nach römischer Lehre vor allem die geweihten Ämter (Diakon, Priester, Bischof), die zur vollen Gültigkeit der Sakramentsspendung notwendig sind. Die Taufe wird allerdings anerkannt, wenn sie mit Begießen von Wasser auf den Namen des dreieinigen Gottes geschieht.

Die Jahre nach dem II. Vaticanum stellen eine hoffnungsvolle Periode im Verhältnis der Kirchen dar. Regelmäßige Treffen und ökumenische Zusammenarbeit wurden nun in Deutschland und vielen anderen Ländern die Regel. Neue bi- und multilaterale Kommissionen begannen ihre Arbeit oder gaben wichtige Dokumente heraus. 1965 kam es auch zur Einrichtung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zwischen dem Vatikan und dem Ökumenischen Rat der Kirchen, welche bis heute besteht. Bis heute ist die römisch-katholische Kirche kein Mitglied im ÖRK, entsendet aber zu seinen Sitzungen regelmäßig Beobachter. Ihre Schwerpunkte setzt die römisch-katholische Kirche auf Verhandlungen mit den Konfessionsbünden wie z.B. dem Lutherischen Weltbund.

1970 wurde die „Mischehenfrage“ neu geregelt. Die Bedingungen, unter denen Katholiken eine kanonisch gültige konfessionsverschiedene Ehe eingehen können, wurden gelockert. Schon sehr bald entstanden in Deutschland erste liturgische Ordnungen für die gemeinsame Trauung konfessionsverschiedener Paare.

Heute gibt es praktisch kein Gebiet, wo keine ökumenischen Beziehungen gepflegt werden. In der strukturierten ökumenischen Zusammenarbeit ist die römisch-katholische Kirche zunehmend präsent. Sie ist Mitglied in lokalen, regionalen, nationalen und kontinentalen ökumenischen Arbeitsgemeinschaften (ACK), sie arbeitet eng mit der Konferenz der europäischen Kirchen (KEK) zusammen.

Aus theologischer Verantwortung heraus gibt es zur Ökumene keine Alternative. Allerdings braucht auch heute die Ökumene noch viel Geduld und zuversichtliche Nüchternheit. Denn der Erfolg des ökumenischen Dialogs der letzten 50 Jahre hat dazu geführt, dass man nun bei den harten und kontroversen Kernfragen angekommen ist: Kirchen-, Amts- und Sakramentsverständnis. So lässt das Tempo der Fortschritte nach und bei einigen Christen nimmt die Frustration an der Ökumene zu.

Die unterschiedlichen Positionen zum gemeinsamen Abendmahl sind bekannt und aus der jeweiligen Perspektive auch theologisch begründet. So müssen evangelische Christinnen und Christen einerseits respektieren, dass die römisch-katholischen Lehrüberzeugungen im Kirchen- und Amtsverständnis im Moment eine generelle eucharistische Gastfreundschaft oder gar vollständige Abendmahlgemeinschaft nicht zulassen. Andererseits werden die evangelischen Kirchen gemäß ihrer theologischen Überzeugungen weiterhin alle getauften Christen zu ihren Mahlfeiern einladen. Es bedarf weiterer Anstrengungen im Amts- und Einheitsverständnis, um die beeindruckenden, bereits erreichten Annäherungen in den ehemals strittigen Eucharistiefragen auch für eine gemeinsame Mahlfeier fruchtbar machen zu können. Bis dahin bleibt es Hoffnung der evangelischen Kirchen, dass zumindest die Regelungen für den gemeinsamen Eucharistieempfang konfessionsverbindender Ehepartner weiter ausgebaut werden können.

Fazit: Theologisch ist in den letzten Jahrzehnten Vieles aufgearbeitet worden. Vermeintlich kirchentrennende Gegensätze konnten in einen differenzierten Konsens überführt werden. Dies belegen die zahlreichen Dokumente evangelisch/römisch-katholischer Kommissionen auf internationaler aber auch nationaler Ebene eindrucksvoll. Doch meist stehen die offizielle Rezeption und verbindliche Umsetzung dieser Erkenntnisse noch aus. Neben der theologischen Annäherung bedarf es eben auch gemeinsamer konkreter Gesten, besser sogar noch: konkreter Schritte hin zur engeren Gemeinschaft zwischen den beiden Kirchen.

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