Ende März 2020 veröffentlichte die griechisch-orthodoxe Erzdiözese von Amerika ein Dokument mit dem Titel „For the Life of the World: Toward a Social Ethos of the Orthodox Church“ (Für das Leben der Welt: Auf dem Weg zu einem sozialen Ethos der Orthodoxen Kirche).[1] Es handelt sich um das Ergebnis der Arbeit einer Kommission, die von Patriarch Bartholomäus I., dem Ökumenischen Patriarchen eingesetzt worden war, um auf der Grundlage der Beschlüsse der so genannten Heiligen und Großen Synode von Kreta 2016 und mit Beiträgen aus verschiedenen Eparchien weltweit ein Papier zur Soziallehre der Orthodoxen Kirche zu erarbeiten. Ende 2019 wurde der Text von der Heiligen Synode des Patriarchats von Konstantinopel zur Veröffentlichung freigegeben. [2]

In der Orthodoxie gibt es nicht viele offizielle Dokumente oder Stellungnahmen, die die Herausforderungen der modernen Welt im Bereich der Sozialethik aufnehmen[3]. Eines der ersten war das Papier der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) im Jahr 2000 „Grundlagen des Sozialkonzepts der Russischen Orthodoxen Kirche“[4]. Die Frage der Menschenrechte wurde von der ROK in einem eigenen Papier im Jahr 2008[5] ausführlich entfaltet. Während diese beiden Dokumente die Positionen einer orthodoxen Lokalkirche wiederspiegeln, wurde auf pan-orthodoxer Ebene das Dokument „Der Auftrag der orthodoxen Kirche in der heutigen Welt“ vom ‚Heiligen und Großen Konzil der Orthodoxen Kirche‘ im Jahre 2016 auf Kreta[6] verabschiedet.

Das neue Papier des Ökumenischen Patriarchats ist in zweierlei Hinsicht beachtenswert: Es basiert auf den Überlegungen des Konzils von Kreta, entwickelt diese weiter und geht an mehreren Stellen über einige Positionen der Russischen Kirche in den genannten Dokumenten von 2000 und 2008 und auch über sonst allgemein bekannte orthodoxe Positionen hinaus. Im Folgenden soll das neue Dokument vorgestellt werden auf dem Hintergrund der Frage, welche Bedeutung es für die Zukunft der Beziehungen der Orthodoxie mit den westlichen Kirchen haben kann.

1. „For the Life of the World. Toward a Social Ethos of the Orthodox Church“ [7]: Kurze Vorstellung der Themen

Das Dokument entwickelt seine Überlegungen auf der Grundlage der orthodoxen Auffassung von der anthropologischen Bestimmung des Menschen zur Theosis (‘Vergöttlichung’), die immer im Zusammenhang der Gemeinschaft des Leibes Christi, d.h. der Kirche, gelebt wird.[8] Richtschnur ist die Lehre Christi (§6) und damit seine Sorge für die Armen und Entrechteten, die Missbrauchten und Vernachlässigten, die Gefangenen, die Hungernden und Verzweifelten. Dies führt dazu, die Verpflichtung der Christen zu einer “prophetischen Präsenz“ (§7) in der Welt hervorzuheben, die eine Botschaft für die Welt über die “geschlossene Gesellschaft der Getauften” hinaus hat.

Die Themen, die unter dieser Prämisse behandelt werden, sind : “Die Kirche im öffentlichen Raum“, „Der Lauf des menschlichen Lebens“, „Armut, Reichtum und zivile Gerechtigkeit“, „Krieg, Frieden und Gewalt“, „Ökumenische Beziehungen und Beziehungen mit anderen Religionen“, „Orthodoxie und Menschenrechte“ sowie „Wissenschaft, Technik, die natürliche Welt“.

Konsequent nach orthodoxer Lehre wird ausgegangen vom „prophetischen Zeichen“ der Eucharistie als Mitte des christlichen Lebens. Der Text betont das Fremd-Sein der Christen auf Erden, aber das gleichzeitige Leben in der Vorwegnahme des Reiches Gottes, was beinhaltet, die Welt zu Frieden und Nächstenliebe aufzurufen. Somit werden Totalitarismus und Korruption klar verurteilt (§9). In bestimmten Fällen kann dies jedoch zivilen Ungehorsam oder gar Rebellion beinhalten, denn „das Reich Gottes allein ist die erste und letzte Loyalität des Christen” (§9). Gleichwohl befürwortet der Text demokratische Strukturen, die von orthodoxer Seite unterstützt werden sollten (§10). Nationalismus, Phyletismus und Rassismus werden scharf verurteilt (§11). Kritisch gesehen wird die traditionelle Verbindung zwischen Staat und Kirche (§ 13). Dabei werden positive Potentiale der traditionellen orthodoxen Theorie von der „Symphonia“[9] zwischen beiden angedeutet, die Gefahr ihres Missbrauchs für den Einsatz der Kirche als politische Macht werden jedoch verurteilt.

Im Kapitel über den „Lauf des Lebens“ wird eine ganze Reihe von sozialethischen Fragen behandelt. An erster Stelle stehen der Schutz und die Fürsorge von Kindern (§16) und damit die Verurteilung des sexuellen Missbrauchs an Kindern als schlimmste Straftat gegenüber Gott.  Angesichts der Einflussmöglichkeiten der modernen Massenmedien auf Kinder und Jugendliche wird die Verantwortung der Kirche für „gatekeeping“ (§17) hervorgehoben. Augenfällig ist in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Feststellung, dass Sexualität in der heutigen Welt eine andere Rolle spielt und anders gesehen wird als früher. Das Dokument hält als Grundrecht jeder Person fest “to remain free from persecution or legal disadvantage as a result of his or her sexual orientation.” (§19). Ausdrücklich werden hier im Gegensatz zur orthodoxen Tradition drei (statt zwei) für Christen mögliche Lebensformen genannt (§20): Verheiratete/r, Mönch/Nonne, Single. Im Hinblick auf Ehen zwischen Orthodoxen und nicht-orthodoxen Partner/innen wird auf die besondere pastorale Aufmerksamkeit sowie auf das vom Konzil von Kreta Gesagte hingewiesen. Die Realität von Scheidungen wird ernst genommen und auf die traditionelle Möglichkeit einer zweiten Ehe hingewiesen (§22). Interessant ist auch die Feststellung, dass auch Ehen, aus denen keine Kinder hervorgehen, sakramental vollständig sind (§24). Verhütung ist in einer ehelichen Beziehung möglich, wenn auch nur als „a provisional concession to necessity“ (§24). Im Falle der Unfähigkeit Kinder zu zeugen hat die Kirche nichts gegen den Einsatz bestimmter moderner reproduktiver Techniken einzuwenden, nur die Zerstörung überzähliger befruchteter Eier kann nicht akzeptiert werden. Freiwillige Abtreibung wird als „Kindermord“ verurteilt (§25) wie auch eugenisches Beenden von neuem menschlichem Leben (§ 26). Gleichzeitig wird anerkannt, dass es tragische medizinische Situationen geben kann, in welchen die Gefahr für das Leben der Mutter einen frühzeitigen Tod des Kindes indiziert. Im Zusammenhang dieser Überlegungen kritisiert das Papier die traditionelle Praxis der orthodoxen Kirche im Hinblick auf die Unreinheit der Frau (§29). Die Autoren gehen sogar so weit, zu sagen: “The Church must also remain attentive to the promptings of the Spirit in regard to the ministry of women, especially in our time, when many of the most crucial offices of ecclesial life—theologians, seminary professors, canonists, readers, choir directors, and experts in any number of professions that benefit the community of faith—are occupied by women in increasingly great numbers; and the Church must continue to consider how women can best participate in building up the body of Christ, including a renewal of the order of the female diaconate for today”(§29). Schließlich wird die spezifische Sorge für Alte hervorgehoben, die in der modernen Welt immer notwendiger wird (§30). In diesem Zusammenhang erfährt der Suizid eine andere Beurteilung als bisher üblich: „But, over time, as mental illness and emotional fragility have come to be better understood, the Church has increasingly acknowledged that suicide typically involves ‘spiritual and/or physiological factors that significantly compromise a person’s rationality and freedom’” (§31). Daher werden auch solche Personen mit einem normalen Gottesdienst beerdigt. Es wird ausdrücklich gesagt: „Here the antique prejudices of the tradition should be corrected by the superior diagnostic and therapeutic discoveries of the modern age” (§31). Gleichwohl wird jegliche Euthanasie als “alien to the Christian vision of life” zurückgewiesen. Das Ablehnen einer künstlichen Verlängerung des Lebens ist jedoch erlaubt.

Im 4. Kapitel wird schließlich die christliche Option für die Armen als zentral für das moralische, religiöse und geistliche Leben weiter entwickelt (§33). Dies beinhaltet den Aufruf an die Kirche, die derzeitigen sozialen Bedingungen, wo nötig, zu verurteilen, oder sie zu unterstützen, wo sie gut sind. Das Papier fordert ein soziales Netz zum Schutz der Armen (§37). Die Kirche muss gegenüber einer Regierung darauf bestehen,  dass diese eine umspannende Gesundheitsversorgung einrichtet (§40). Hier wird noch einmal betont, dass die Kirche zu allererst eine Stimme für die Armen sein muss und wenn nötig sich gegen die Reichen und Mächtigen auflehnen soll (§41), wenn die Schwachen im Interesse der Starken missbraucht werden. Es muss um eine gerechtere Verteilung des Reichtums gehen.

Die Frage nach Krieg und Frieden (5. Kapitel) wird zusammen mit dem Thema „Gewalt“ verhandelt. Menschliche Gewalt wird scharf verurteilt als „Rebellion gegen Gott und die göttliche Ordnung“ (§42). “Die Orthodoxe Kirche kann von Natur aus Gewalt nicht gut heißen, weder als Ziel als solches noch als Mittel, um irgendein Ziel zu erreichen, sei es in Form physischer Gewalt, sexuellen Missbrauchs oder des Missbrauchs von Macht“ (§44). Gleichwohl wird eingestanden, dass es Situationen gibt, in denen sich Individuen oder Gemeinschaften gegen unmittelbare Gewaltbedrohung  verteidigen müssen (§45). D.h. Gewalt darf angewandt werden, um Frieden zwischen Menschen oder Völkern zu fördern oder Gewalt zu verhindern oder einzudämmen, als “last resort” (§45). Die Orthodoxe Kirche kennt aber keine Theorie des Gerechten Krieges (§46). Konsequenterweise wird auch die Todesstrafe abgelehnt (§48). Im Vordergrund muss immer das Ziel des Friedens stehen (§49).

Es mag erstaunen, dass ein ganzes Kapitel (Kap. 6) dieses sozialethischen Fragen gewidmeten Papiers die Frage der ökumenischen Beziehungen und der Beziehungen zu anderen Religionen aufnimmt. Bei der Suche nach Einheit mit anderen Christen soll zum einen von der „Schönheit der Orthodoxie“ (§51) Zeugnis abgelegt werden, zum anderen aus den Erfahrungen anderer Christen gelernt werden. Es darf nicht darum gehen, die anderen zur Konversion zu bewegen.

Die Beziehungen zu anderen Religionen werden  begründet mit: “out of a reverent love for all who seek God and his goodness, and in a firm certitude that God has left no people without a share in the knowledge of his glory and grace.”(§55) Die Beziehung zum Judentum wird eigens hervorgehoben und die Notwendigkeit der Bitte um Vergebung für die Beteiligung an Antisemitismus und den darauf hervorgegangenen Untaten.

Das siebte Kapitel setzt sich mit der Frage der Menschenrechte auseinander, die als zutiefst dem Evangelium gemäß und als hilfreiche Sprache zur Förderung von Gerechtigkeit und Frieden zwischen Völkern und Nationen dargestellt werden. „Die Orthodoxe Kirche leiht daher ihre Stimme der Aufforderung, Menschenrechte überall zu schützen und voranzubringen und diese Rechte sowohl als grundlegend wie auch unveräußerlich für jedes einzelne menschliche Leben anzuerkennen“ (§61). Daher wird Religionsfreiheit als eines der wichtigsten Menschenrechte hervorgehoben (§64). In diesem Zusammenhang wird moderne Sklaverei angeprangert (§65) und auf die Verpflichtung der Kirche hingewiesen, sich der Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchenden anzunehmen (§67).

Schließlich wird im letzten Kapitel dazu angeregt, die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft und Technik zum Wohl der Gesellschaft oder des Individuums einzusetzen. Obwohl „… the Church must be vigilant regarding the effects of these new technologies and wise in combatting their more deleterious effect” (§70), ist das Papier geprägt von einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber der modernen Wissenschaft und Technik: „Christians should rejoice in the advances of all the sciences, gladly learn from them, and promote scientific education, as well as public and private funding for legitimate and necessary scientific research” (§71).[10] Grundlage für diese Haltung ist die eucharistische Danksagung (§74). Aus diesem Grund wird auch jede Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Missbrauch von Gottes Schöpfung als Sünde gebrandmarkt (§75).

2. „For the Life of the World” im Vergleich zu früheren orthodoxen Äußerungen

Wie bereits erwähnt steht das neu publizierte Dokument in direktem Bezug zum Konzil von Kreta 2016. Das dort verabschiedete Dokument „Der Auftrag der orthodoxen Kirche in der heutigen Welt“ hat den Untertitel „Der Beitrag der Orthodoxen Kirche zum Walten des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Geschwisterlichkeit und der Liebe zwischen den Völkern und zur Überwindung der Rassendiskriminierungen und anderer Diskriminierungen“. Dieser Text hat einen ekklesiologischen Rahmen, setzt an mit der Liebe Gottes zur Welt und der Kirche als Zeichen des kommenden Reiches Gottes. Als solches lebt die Kirche jedoch in der Welt und hat die Aufgabe, der Welt das Evangelium zu bringen. Innerhalb dieses Rahmens wird angesetzt beim Wert der menschlichen Person. Daher wird der Schutz der menschlichen Person und deren Würde in den Vordergrund gestellt. Auf dieser Grundlage werden Freiheit und Verantwortung propagiert sowie Frieden und Gerechtigkeit in ihrer zentralen Bedeutung hervorgehoben. Krieg wird auf diesem Hintergrund verurteilt. Ebenso Diskriminierungen. Auch hier wird die Kluft zwischen Reich und Arm beklagt, sowie der Kampf gegen Hunger und Armut gefordert. Konsumorientierte Lebenshaltung wird kritisiert, die Massenmedien werden problematisiert. Auf diesem Hintergrund wird gefordert: „Die Kirche Christi ist berufen, ihr prophetisches Zeugnis in der Welt neu zu formulieren und zu offenbaren.“[11] Die Pflicht der Kirche, zur Bewahrung der Schöpfung beizutragen wird hervorgehoben, das Wachstumsdenken und ungezügelter Konsum als Grund als Grund für die ökologische Krise gebrandmarkt.  Relativ kurz wird auch die Rolle der Wissenschaft angesprochen sowie die Frage der Säkularisierung und das Thema Freiheit.

Insgesamt hat also das FLW die Themen von Kreta aufgenommen, vertieft, deutlicher ausgeführt und erweitert. Dies zeigt sich bereits an dem wesentlich größeren Umfang des neuen Dokuments.[12] Rein sprachlich betrachtet zeigt es eine positivere Haltung gegenüber der modernen Welt. Während z.B. im Dokument von Kreta die Säkularisierung an mehreren Stellen problematisiert wird[13], taucht im neuen Dokument der Begriff gar nicht auf. Während in Kreta trotz einer grundlegenden positiven Haltung gegenüber den modernen Wissenschaften die Aufmerksamkeit mehr auf die damit verbundenen Gefahren gelegt wird, treten diese im neuen Dokument völlig in den Hintergrund. Ähnliches gilt von den Aussagen zur Freiheit[14].

Als neues Thema im Vergleich zu Kreta wird im Dokument von 2019 die Frage der Menschenrechte dezidiert aufgenommen und positiv diskutiert. In Kreta ist zwar vom „Schutz und Würde der menschlichen Person“[15] die Rede, aber der Begriff der Menschenrechte kommt nur einmal[16] vor, wo davon die Rede ist, dass die Menschenrechte „respektiert“[17] werden. FLW hebt hervor: „In every sense, then, the language of human rights accords with the most fundamental tenets that should inform any Christian conscience“.[18] Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass die Menschenrechtskonventionen zwar das Ziel der menschlichen Freiheit nicht letztlich herstellen können, aber wichtige Hilfsmittel sind. Dementsprechend wird die Religionsfreiheit für alle Menschen ausführlich behandelt, und auch die Brandmarkung der modernen Formen von Sklaverei ist eine Weiterentwicklung gegenüber dem Dokument von Kreta.

Die anderen Themen in FLW sind praktisch alle in Kreta in nuce vorgegeben, aber zum Teil beträchtlich erweitert. Auffällig ist z.B., dass eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ausdrücklich verurteilt wird[19], ohne dass allerdings die Frage von gleichgeschlechtlicher Orientierung weiter diskutiert oder gar anerkannt wird. Positiv wird man von protestantischer Seite auch bemerken, dass das neue Dokument im Hinblick auf die Rolle der Frau weiter geht als bisher alle offiziellen Dokumente von orthodoxer Seite[20]. Dasselbe gilt für die Frage des menschlichen Lebens, die dann die modernen Fragen von Euthanasie, Suizid, Familienplanung im Gefolge hat. Während in Kreta vor allem auf die „gottgegebene Institution der Familie“[21] gegenüber „Lebensgemeinschaften….die der christlichen Tradition und Lehre nicht entsprechen“ hingewiesen wird, nimmt FLW auch die Lebensform der „Singles“ als eine mögliche christliche Lebensform auf, der die Kirche pastorale Aufmerksamkeit schenken sollte. Die grundsätzliche Offenheit gegenüber den Ergebnissen der modernen Wissenschaft im Hinblick auf Fragen der Familienplanung, aber auch im Hinblick auf den Umgang mit Suizid und Euthanasie zeugt vom Ernstnehmen der pastoralen Sorge in einem gewandelten gesellschaftlichen Umfeld, das neue Wege erforderlich macht.

Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass in FLW ein Kapitel den ökumenischen Beziehungen gewidmet ist, und zwar in enger Verbindung mit den interreligiösen Beziehungen. In Kreta waren die Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen Gegenstand eines eigenen Dokuments[22], während die interreligiösen Beziehungen dort nur im Dokument über das Sakrament der Ehe überhaupt kurz in den Blick kommen[23]. Auffällig ist, dass FLW es in diesem Zusammenhang vermeidet, von anderen christlichen ‚Kirchen‘ zu sprechen und nur von ‚Christen‘ die Rede ist. Dies hat vermutlich damit zu tun, dass die Frage, inwiefern die nicht-orthodoxen Gemeinschaften als Kirchen bezeichnet werden können, einer der großen Streitpunkte in Kreta war[24]. Ein Gewinn dieser neuen Sprachregelung ist die Anerkennung der anderen Christen als Christen; Begriffe wie ‚Häretiker‘ oder ‚Schismatiker‘ sind damit vom Tisch. Die Frage, ob und inwiefern andere christliche Kirchen ‚Kirchen‘ sind oder nicht, ist damit allerdings nicht gelöst. Während im genannten Dokument von Kreta zu den Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt die Frage nach den Beziehungen zu anderen Christen unter der Frage der Einheit der Kirche, also einer ekklesiologischen Fragestellung diskutiert wurde, bleibt diese Frage in FLW außen vor, da es hier um die ethische Perspektive geht. Hervorzuheben ist dabei die strikte Ablehnung jeglichen Proselytismus, sowohl im innerchristlichen Bereich als auch im interreligiösen Feld. Grundlage für die ökumenischen Beziehungen ist die Taufe, die dazu aufruft „to gather together in prayer, to repent of past misunderstandings and offences against their brothers and sisters, and to love one another as fellow servants and heirs of the Kingdom of God.”[25]

Obwohl FLW sich an keiner Stelle auf eines der erwähnten Dokumente der Russischen Orthodoxen Kirche bezieht, ist ein kurzer Vergleich mit diesen insofern interessant, als die russische Kirche hier zumindest indirekt den Anspruch erhob, Positionen darzustellen, die für die gesamte Orthodoxie gültig seien. Allerdings sind die ROK-Dokumente sehr stark vom russischen Kontext der 1990er-Jahre geprägt. Im Vordergrund stehen im ROK-Dokument aus dem Jahr 2000 zunächst Themen wie „Kirche und Nation“ und die Auseinandersetzung mit der Frage des Nationalismus sowie „Kirche und Staat“. Hier spiegelt sich die Situation der 1990er Jahre, als die russische Kirche auf der Suche nach ihrer neuen Identität in einer neuen Staatsform war.  Es geht um „Christliche Ethik und weltliches Recht“, um „Kirche und Politik“. Aber auch hier geht es letztlich um den Friedensauftrag der Kirche und den Gehorsam gegenüber Gott.

Vor allem die weiteren Themen „Krieg und Frieden“, „Verbrechen, Sühne, Wiedergutmachung“, „Bioethik“, Ökologie“ „Wissenschaft“ sind diejenigen, die für den Vergleich zwischen FLW und dem ROK-Dokument interessant sind. Auffällig ist, dass FLW in vielen Fällen deutlicher Stellung bezieht als das ROK-Dokument und sich dabei progressiver zeigt. Vor allem drei Punkte fallen auf, an denen FLW dezidiert weiter geht als die Russische Kirche und zwar in einer Art und Weise, dass sich hier eine Diskrepanz zwischen beiden Dokumenten auftut, deren Auswirkungen zukünftige Diskussionen zeigen werden. Erstens ist das die Frage der Todesstrafe: FLW lehnt diese dezidiert ab, während das ROK-Papier die Entscheidung bei den jeweiligen Ländern belässt. Ein zweites Thema ist der Umgang mit Suizid: FLW beurteilt Suizid unter der Perspektive moderner medizinischer Einsichten und kann daher dafür plädieren, Suizidale nicht dadurch zu stigmatisieren, dass sie keine christliche Bestattung erhalten. Die ROK dagegen versteht Suizid als Mord und lehnt eine christliche Beisetzung ab, es sei denn im Falle einer geistigen Krankheit. Als Drittes ist hier die Rolle der Frau zu erwähnen: Wie oben gezeigt geht FLW so weit, die Erneuerung des weiblichen Diakonats zu fordern (§29). Die Sozialkonzeption der ROK betont durchaus die „politische, kulturelle und soziale Gleichstellung (der Frau) mit den Männern“, legt aber dennoch den Schwerpunkt auf ihre Rolle als „Gattin und Mutter“.[26] Die Rolle von Frauen in der Kirche kommt gar nicht in den Blick.

Interessant ist auch ein Vergleich zwischen FLW und ROK im Hinblick auf das Thema Menschenrechte. Die ROK stellt fest: „Aus der Sicht der Orthodoxen Kirche kann das politisch-rechtliche Institut der Menschenrechte dem guten Zweck des Schutzes der Menschenwürde dienen und die geistig-sittliche Entwicklung der Person fördern.“[27] Sofort wird dann aber eingeschränkt und auf Gefahren aufmerksam gemacht: „Dabei darf die Umsetzung der Menschenrechte mit den von Gott eingesetzten sittlichen Normen und der darauf beruhenden traditionellen Moral nicht in Widerspruch geraten.“[28] Der Eindruck, dass es der Russischen Orthodoxen Kirche darum geht, die Grenzen der Menschenrechte in den Mittelpunkt zu stellen und sie als Negativfolie zu benutzen[29], zeigt der Aufbau des Kapitels III „Die Menschenrechte in der christlichen Weltanschauung und im Leben der Gesellschaft“, in dem jeder Hauptabschnitt mit einem Satz beginnt, der zeigt, was die Menschenrechte NICHT sind oder sein können bzw. welchen Bedingungen sie unterworfen sein müssen.[30] FLW sieht zwar ebenfalls die Grenzen der Menschenrechte, betont aber und zeigt ausführlich die Übereinstimmung mit dem grundlegenden christlichen Anliegen und die wichtige Bedeutung, die die Menschenrechte zu dessen Durchsetzung spielen können.

3. Zusammenfassende Würdigung

Der letztgenannte Vergleich zeigt einen grundlegenden Unterschied zwischen FLW und den beiden Dokumenten der ROK, der nicht unbedingt im Verständnis der einzelnen Themen liegt, sondern in der Art, wie sie behandelt werden: Während FLW insgesamt positiv argumentiert und die modernen Gegebenheiten (wie Menschenrechte, menschliche Lebensformen, Wissenschaft und Technik etc.) zunächst positiv aufnimmt und erst am Schluss auch auf die negativen Seiten hinweist, arbeiten die ROK-Dokumente mit einem Ansatz, der darauf aus ist, die Abgrenzungen und negativen Folgen aufzuzeigen, bevor auch die positiven Potentiale moderner Vorgaben angedeutet werden. Mit anderen Worten: Der Unterschied liegt vor allem darin, wie die Kirchen an die Moderne herangehen.

Zu dieser aufgeschlossenen Art und Weise, an die Themen heran zu gehen, gehört auch die an manchen Stellen durchschimmernde Selbstkritik. Zum Beispiel wird festgestellt: “Far too often, the Orthodox Church has allowed for the conflation of national, ethnic, and religious identity, to the point that the external forms and language of the faith—quite evacuated of their true content—have come to be used as instruments for advancing national and cultural interests under the guise of Christian adherence. And this has often inhibited the Church in its vocation to proclaim the Gospel to all peoples.”[31]

Aus diesem Grund hat das neu veröffentlichte Dokument ein wegweisendes Potential nicht nur für die Orthodoxie selbst, sondern auch für die ökumenischen Dialoge der Orthodoxen Kirchen mit anderen Kirchen. Die Herangehensweise und damit die Sprache von FWL zeigt eine Weite, die bisher oft vermisst wurde. Auch inhaltliche zeigt sich an einigen Punkten eine Öffnung, die dem Dialog nur förderlich sein kann. Wichtig wird nun sein, wie dieses Dokument inner-orthodox diskutiert wird.

Dagmar Heller

[1] https://www.goarch.org/social-ethos.

[2] https://orthodoxtimes.com/for-the-life-of-the-word-toward-a-social-ethos-of-the-orthodox-church-is-now-available-online/. Verwunderlich ist, dass der Text auf der Webseite des Patriarchats selbst nicht zu finden ist.

[3] Laut Rudolf Uertz hat „[d]ie Orthodoxe Kirche…zwar im Laufe ihrer Geschichte die soziale Frage niemals ignoriert, ihre Geistlichen und Theologen haben immer praktisch zur Lösung sozialer Fragen beigetragen, eine Sozialethik ist aber weder geschichtlich noch systematisch untersucht worden. Die Gründe sind u.a. die Unterdrückung orthodoxer Völker durch feindliche und nichtchristliche Regierungen, die konservative Einstellung der Kirche und ihr Festhakten an ihren Quellen der Schrift und der Tradition.“ In: Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat in der Sozialdoktrin – eine politikwissenschaftliche Betrachtung, in: Rudolf Uertz/Lars Peter Schmidt (Hg.), Beginn einer neuen Ära?. Die Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche vom August 2000 im interkulturellen Dialog, Konrad-Adenauer-Stiftung- Außenstelle Moskau, 2004, 77-96, 82.

[4] https://mospat.ru/ru/documents/social-concepts/; deutsche Fassung: https://www.kas.de/de/web/berlin/publikationen/einzeltitel/-/content/sozialdoktrin-der-russisch-orthodoxen-kirche; Druckfassung in: Josef Thesing/Rudolf Uertz (Hg.), Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche, St. Augustin, 2001, 9-131.

[5] https://mospat.ru/en/documents/dignity-freedom-rights/; Deutsche Übersetzung: https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=5633845a-d204-d782-ad23-56ddf784c6b9&groupId=252038; Druckfassung: Rudolf Uertz/Lars Peter Schmidt (Hg.), Die Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte, Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Moskau, 2008.

[6] Deutsche Übersetzung in: Synodos. Die offiziellen Dokumente des Heiligen und Grossen Konzils der Orthodoxen Kirche (Kreta, 18.-26. Juni 2016), Bonn, 2018, 86-102.

[7] Im Folgenden abgekürzt FLW

[8] Vgl. §3: “…this must be a corporate destiny, as it is only through our participation in the community of Christ’s body that any of us, as a unique object of divine love, can enter into full union with God.”

[9] Vgl. §14: “And today, as well, the principle of symphonia can continue to guide the Church in her attempts to work with governments toward the common good and to struggle against injustice. It cannot, however, be invoked as a justification for the imposition of religious orthodoxy on society at large, or for promotion of the Church as a political power.

[10] Vgl. auch §72.

[11] In Kapitel „VI. Die Aufgabe der Orthodoxen Kirche als dienendes Zeugnis der Liebe“, § 9, in „Synodos“ a.a.O., S.98.

[12] Das neue Dokument ist etwa doppelt so lang wie das Papier von Kreta.

[13] Vgl. Kapitel II., §2 (Synodos, 90), Kapitel VI., §9 (Synodos, 98) und § 13 (Synodos, 101).

[14] Vgl. Kapitel VI., §13 (Synodos, 101).

[15] Kap. I., §2 (Synodos, 89).

[16] Kap. V., §3 (Synodos, 95).

[17] Ebd.

[18] §63.

[19] § 19. Interessanterweise stehen diese Aussagen nicht im Zusammenhang des Themas ‚Menschenrechte‘, sondern im Kapitel über den Lauf des menschlichen Lebens.

[20] Vgl. oben Zitat aus §29

[21] Kap. VI., §14 (Synodos, 101f.)

[22] Die Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt, Synodos 57-66.

[23] Das Mysterion der Ehe und seine Hindernisse, Synodos 80-85, 85.

[24] Vgl. dazu meine beiden Artikel: Das (pan)orthodoxe Konzil von Kreta 2016. Seine Bedeutung für Orthodoxie und Ökumene, in: Theologische Literaturzeitung 145/2020, 159-174; und: Das (Heilige und Große) Konzil der Orthodoxen Kirchen 2016 auf Kreta in ökumenischer Perspektive, in: ÖR66/2017, 59-72.

[25] §52.

[26] X.5. Thesing/Uertz, 84.

[27] Die Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte III.5.; Uertz/Schmidt, 25

[28] Ebd.

[29] Menschenrechte werden verstanden als Mittel zur Durchsetzung des Eingenwillens.

[30] Uertz/Schmidt, 19-25

[31] § 10. Eine ähnliche Selbstkritik findet sich im Zusammenhang der Rolle der Frau in § 29.

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