Noch deutlicher wird das Kirchesein anderer Kirchen im ausführlicheren Katechismustext anerkannt: „Durch die Getauften, die ihren Glauben leben und Jesus als ihren Herrn bekennen, wird Kirche als Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe überhaupt erst erfahrbar. Insofern ist nicht nur dort Kirche Christi, wo das Apostelamt wirkt – also im Erlösungswerk des Herrn –, sondern auch in den anderen Kirchen, wo sich christlicher Glaube in der tätigen Liebe zum Nächsten, im klaren Bekenntnis zu Jesus Christus und im ernsten Bemühen um Nachfolge Christi verwirklicht, also in solchen christlichen Glaubensgemeinschaften, in denen im Gottesdienst Anbetung und Lobpreis des dreieinigen Gottes geschehen und in denen Einheit, Heiligkeit, Allgemeinheit und Apostolizität auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Umfang vorhanden sind.“6

Auch die Feststellung: „Gemeinde des Herrn ist nicht Institution oder Organisation“, kann als Ausdruck eines neuen Kirchenverständnisses gewertet werden.7 Beachtung verdient in diesem Zusammenhang außerdem die Bemerkung: „So wirkte auch in der Zeit nach dem Tod der ersten Apostel der Heilige Geist, wenngleich nicht in der ursprünglichen Fülle.“8 Um diese Veränderungen in einem angemessenen theologischen Rahmen einzuschätzen, muss erwähnt werden, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel im Katechismus Anerkennung finden. Beide Bekenntnisse werden im „Anhang“ abgedruckt.9 Der Katechismus konstatiert dazu: „Vom Heiligen Geist inspiriert, wurden in den altkirchlichen Bekenntnissen grundlegende Aussagen christlicher Lehre formuliert.“10

All das ist ein klarer Bruch mit dem früheren, streng exklusiven Kirchenverständnis der Neuapostolischen Kirche und eine vorsichtige Anerkennung der Pluralität der Kirche Jesu Christi. Das zeigt sich auch, trotz gewisser Einschränkungen durch die Lehre von der Versiegelung, in der Neufassung des Taufverständnisses. „Durch die Heilige Wassertaufe gelangt der Täufling in ein erstes Näheverhältnis zu Gott – er wird Christ und ist damit in die Kirche eingefügt.“11

Der Anspruch, die wahre, gleichsam „defektlose“ Kirche Jesu Christi auf Erden zu sein, wird allerdings, ebenso wie seitens der römisch-katholischen Kirche, nicht aufgegeben. Denn, so wird betont, die Kirche „tritt dort am deutlichsten zutage, wo das Apostelamt, die Spendung der drei Sakramente an Lebende und Tote sowie die rechte Wortverkündigung vorhanden sind. Dort ist das Erlösungswerk des Herrn aufgerichtet, in dem die Braut Christi für die Hochzeit im Himmel vorbereitet wird“.12

Es kann also kein Zweifel bestehen, dass zum Beispiel aus evangelischer Sicht nach wie vor wichtige theologische Differenzen zur Neuapostolischen Kirche bestehen.13 Zu nennen ist an erster Stelle die Heilsbedeutung des Apostelamtes und der Ämter überhaupt. Aber trotz Festhalten an einer steilen Apostel- und Amtstheologie gibt es auch hier durch die Öffnung der Kirchendefinition eine bemerkenswerte neue Akzentuierung, wenn es heißt: „Inmitten der Kirche bereitet Jesus Christus seine Brautgemeinde durch Apostel auf sein nahes Wiederkommen zur Hochzeit im Himmel vor.“14

Zu den kritisch zu diskutierenden Sonderlehren der Neuapostolischen Kirche gehört weiterhin die – übrigens deutlich abgeschwächte – Rolle des Stammapostels und die Reichweite seines Lehramtes. Das Verhältnis von Taufe und Versiegelung einschließlich der Bezeichnung „Gotteskinder“ sind ebenso zu erwähnen wie die Voraussetzungen für die Gültigkeit des Abendmahls. Welche ekklesiologischen Konsequenzen ergeben sich aus den Veränderungen in der neuapostolischen Eschatologie und dem sogenannten „Entschlafenenwesen“? Diese und weitere Fragen bedürfen nach dem Vorbild und im Geist der „Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung“ der vertieften theologischen Diskussion.

Dabei müssen an die Neuapostolische Kirche die gleichen Maßstäbe angelegt werden wie an andere Kirchen. Für die ökumenische Zusammenarbeit und die Mitgliedschaft in ökumenischen Gremien sind ungewöhnliche und in der Sicht anderer theologischer Traditionen abwegige Sonderlehren kein grundsätzliches Hindernis. Sonderlehren bis hin zu dem Verzicht auf Ämter und Sakramentsspendung gab es unter den Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen von Anfang an. Entscheidend ist die Anerkennung der Basisformel unter Verzicht auf ekklesiologische Exklusivität und ein Leben und Arbeiten der jeweiligen Kirche im Geist des ökumenischen Gedankens.

Theologisch wurde die Neuapostolische Kirche durch ihren Katechismus von 2012 ökumenefähig. Diese theoretische Tatsache muss sich jedoch in der Praxis der Neuapostolischen Kirche, im Gemeindeleben vor Ort, im Glauben und im Bewusstsein der Gemeindeglieder noch weiter durchsetzen, ebenso aber auch in den Köpfen, viel- leicht auch Herzen, von Theologen und Amtsträgern „ökumenischer Kirchen“. Hierbei handelt es sich um einen Prozess, der auf beiden Seiten Zeit braucht. Er bedeutet nicht zuletzt auch Verzicht auf ein- gefleischte Vorurteile, ohne das Ringen und Kämpfen um Klarheit und Wahrheit aufzugeben.

Die Neuapostolische Kirche hat sich auf den Weg gemacht. Ihr Katechismus von 2012 „könnte eine neue Ära in der Geschichte der Neuapostolischen Kirche (NAK) einleiten“.15

Prof. Dr. Helmut Obst

Prof. Dr. Helmut Obst ist emeritierter Professor für Ökumenik, Konfessionskunde und Religionswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war von 1996 bis 2006 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Konfessionskundlichen Instituts.

Veröffentlicht in: Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts 3/2013, S. 43f.

6 Ebd.
7 AaO., 150.
8 AaO., 275, vgl. dazu ausführlicher 380. 9 AaO., 477f.
10 AaO., 275.
11 AaO., 319.
12 AaO., 281.
13 Vgl. dazu u.a. Reinhard Hempelmann: Wie ökumenefähig ist die Neuapostolische Kirche?, in: Materialdienst der EZW, 73. (2010), Heft 1, 5-10; Harald Lamprecht: Neues Haus mit alten Möbeln. Katechismus der Neuapostolischen Kirche erschienen, in: Con- fessio (2012) Heft 4, 4-9; ders.: Meilenstein Katechismus, in: MdKi 63 (2012), 101f.; Kai Funkschmidt: NAK veröffentlicht ihren neuen Katechismus, in: Materialdienst der EZW, 76. (2013), Heft 1, 26-29.

Katechismus 2012, aaO., 257. Meilenstein Katechismus 2012, aaO., 101.

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